Wien. (ar) Modern sein zu wollen bedeutet in Wien, aufbleiben zu müssen. Während man in Berlin dazu überging, den Wecker auf eine pensionistische Frühstückszeit zu stellen, um ins Berghain tanzen zu gehen, mag man es hinter den sieben Bergen nach wie vor altmodisch. Für die Pratersauna medikamentiert sich die Party-Crowd so, dass es nach dem verrichteten Tagwerk direkt in die schlaflose Nacht gehen kann.

Ein zentraler Abend des Run-VIE-Festivals begann am Donnerstag aber zeitig um 23 Uhr. Im WUK mochten sich auch Personen befunden haben, die sich ihren Lebensunterhalt nicht als prekäre DJs, sondern mit tatsächlicher Arbeit verdienen. Dass sich der Abend in die Länge zog, hatte aber auch mit der Musik zu tun. Das aus dem Umfeld des visionären Hyperdub-Labels stammende Trio Darkstar kompensierte seinen Mangel an Songs mit zerdehnten Live-Versionen, die so zwingend klangen, dass das Publikum zur Saalflucht aufbrach.

Druckvoller Live-Sound


Die Mehrheit war aber ohnehin wegen Obaro Ejimiwe gekommen, der unter seinem Alias Ghostpoet eines der Debütalben des Jahres veröffentlichte. Darauf verbanden sich stoische Spoken-Word-Mantras über die Härte des Lebens, die Nacht als Ort der Erlösung und den Tag danach als höllischste Erfindung seit Brustreißer und Mundbirne mit den Nachwehen des Dubstep-Genres.

Trotz eifriger Arbeit des MCs an seiner Schaltkanzel entschied sich der Londoner mit polterndem Schlagzeug und ruppiger Gitarre, den hypermodernen Einschlag seines Werks zugunsten eines druckvolleren Live-Sounds hintanzustellen. Eine gute Entscheidung, die nicht nur bei "Liiines" angenehme Assoziationen mit TV On The Radio weckte. Danach schlug es ein Uhr: "Cash and carry me home!"