Harter Funk und verzerrte Melodien standen 1972 auf dem Programm und prägten das Album "On the Corner". - © Sony BMG
Harter Funk und verzerrte Melodien standen 1972 auf dem Programm und prägten das Album "On the Corner". - © Sony BMG

Wenn sie über den Musiker Miles Davis berichten sollten, gerieten die Kritiker regelmäßig in Schwierigkeiten. Seine Musik entzog sich immer wieder den Standardfloskeln der Konzertkritik, was des Öfteren hilflos anmutende Neubildungen zur Folge hatte. Noch weniger fassbar aber war die öffentliche Person Miles Davis, ein Konglomerat aus Widersprüchen, aus bewusst gesetzten und biographischen Brüchen, das Ergebnis eines lebenslangen Kampfes gegen die Eindimensionalität eines Images als Star.

Dieses Problem trat bereits 1945 zutage, als der Neunzehnjährige im Charlie Parker Quartett die Nachfolge Dizzy Gillespies antrat. Als Inkarnation des amerikanischen Traums ließ sich der Sohn eines Zahnarztes nicht verkaufen. Als "angy young man" auch nicht; diese Rolle des gesellschaftlich akzeptierten Partyschrecks war in den Vierzigern und Fünfzigern für weiße reserviert. Abgesehen davon war Davis schon damals zu überlegt, um einfach ziel- und planlos Konventionen zu brechen. Wen er es tat, dann stets im Wissen, in welche Richtung die Entwicklung verlaufen sollte.

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Man konnte den jungen Mann an Parkers Seite nicht einordnen, also bezog man sich auf seinen Vorgänger, auch wenn dies von der Art des Spiels keineswegs gerechtfertigt war. "(...) dieser irregeleitete junge Mann kopiert Gillespie (...) ohne Sinn und Verstand", wusste das Magazin "DownBeat" 1946 zu berichten.


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Davis konnte inzwischen die Selbstzerstörung Parkers miterleben, spielte mit allem, was im Bebop Rang und Namen hatte wie Gillespie, Billy Eckstine und Charles Mingus, wurde zum zweiten Mal Vater - und begann 1947 selbst, Kokain und Heroin zu konsumieren.
Die musikalische Entwicklung verlief entgegengesetzt: Der Krieg war lange genug vorbei. Es ging nicht mehr darum, jeden Ton so schnell und laut zu spielen, als wäre es der letzte. Man konnte darangehen, die Feinheiten des Lebens. auszuloten, ohne sich dabei kaputtzumachen. Gemeinsam mit Gil Evans entwickelte Davis ein Konzept , in dem die Bläser abseits wahnwitziger Soloeskapaden weitgehende melodische Freiräume genossen. Der Cool Jazz war erfunden.

1949 galt Miles Davis dem Magazin "Metronome" bereits als Nummer 3 unter den Trompetern hinter Gillespie und Fats Navarro. Der Überlegtheit, mit der sich Davis musikalischen Fesseln entzog, stand freilich ein chaotisches Leben gegenüber: eine stürmische Affäre mit Juliette Greco in Paris, Rückkehr zur Freundin Irene, Heroinabhängigkeit in New York, die Geburt des dritten Kindes, schließlich ein Drogenprozess.