Wien. Zuletzt musste man sich um Sinéad O’Connor wieder einmal Sorgen machen. Nach öffentlichem Liebeswerben im Internet, einer daraus resultierenden Beziehung, ihrer Blitzhochzeit in Las Vegas, einem Marihuana-Fauxpas in derselben Nacht und dem Beziehungsende nur 16 Tage später schien es um die Irin nicht gut bestellt. Es reichten ein öffentlicher Hilferuf auf Twitter, ein angeblicher Selbstmordversuch und schließlich die Versöhnung mit dem Mann, um die Öffentlichkeit an eines zu erinnern: Noch bevor es um Sinéad O’Connor Mitte der 90er Jahre ruhiger wurde, galt die Frau als latent durchgeknallt.

Das verzerrte Bild, das die Irin von sich in den Medien vorzufinden glaubte, führte im Folgenden zu einer On-and-Off-Beziehung mit dem Geschäft. Sinéad O’Connor, die mit einer Coverversion des Prince-Songs "Nothing Compares 2 U" 1990 zum globalen Popsuperstar mutierte, galt bereits insofern bald als schwierig, als sie nicht nur gegen die Landsmänner von U2 Gift und Galle spuckte und sich auch sonst das Wort nicht verbieten ließ - gerade in einem Beruf, in dem sich die Männer möglichst alles erlauben sollten, während die Frauen den Mund nur zum Singen weit aufreißen dürfen, sollte es O’Connor der Industrie und folglich vor allem sich selbst nicht zu einfach machen. Als sie am Gipfel ihres Erfolgs im US-Fernsehen ein Foto von Papst Johannes Paul II. zerriss, um damit eine Protestnote gegen den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche zu setzen, war allerdings klar, dass die Karriere in Übersee fortan vorbei sein würde.



Sinéad O’Connor veröffentlicht ihr erstes Album seit fünf Jahren: Darauf geht es nicht nur harmonisch zu. - © One litte Indian
Sinéad O’Connor veröffentlicht ihr erstes Album seit fünf Jahren: Darauf geht es nicht nur harmonisch zu. - © One litte Indian

Entsprechend angefeindet, konnte O’Connor ihre Themenführerschaft in Sachen Kirchenkritik - bei gleichzeitigem Bekenntnis zu Jesus Christus Superstar -, Spiritualität und Selbstbestimmung der Frau unbeirrt ausbauen, während sie sich auch musikalisch vom Massenmarkt löste. Nach ihren Deutungen diverser Jazz-Standards ging es über die irische Folklore und das gemeinsam mit Sly and Robbie aufgenommene Roots-Reggae-Album "Throw Down Your Arms" schließlich hin zur Psalmenvertonung ihres religiösen Doppelwerks "Theology", mit dem sich O’Connor als einfache Arbeiterin im Weinberg des Herrn präsentierte.

Angriff und Predigt


Ihr erstes Album seit damals ist nun als Rückkehr zum klassischen Song zu verstehen. Das führt zu gefälliger Radioware ("The Wolf Is Getting Married"), trägen Rockwalzern ("Very Far From Home"), bluesgrundierten Weltmusik-Anleihen ("4th And Vine") und klavierbestimmten Dramen ("Reason With Me"). In den besten Momenten erklärt O’Connor, dass sie das Songwriting nicht verlernt hat, vor allem aber die Produktion ihres ersten Mannes John Reynolds hält sich mit den Ambitionen doch recht zurück. Zwischen zeitlosem Bandsound und hausbackenen Versuchen am 90er-Jahre-Rock ("Old Lady") wird bald deutlich, wo hier der Sparstift angesetzt wurde: Nichts an "How About I Be Me (And You Be You)?" klingt hip oder auch nur ansatzweise modern.

Inhaltlich geht O’Connor in ihren Songs nach überraschend gewöhnlichen Liebesbekenntnissen, dem musikalisch unerheblichen Cover von John Grants bitterbösem "Queen Of Denmark" oder mit "I Had A Baby" einem Song über die Bürden alleinerziehender Mütter bald aber zum Angriff über. Mit "Take Off Your Shoes" beschreibt die 45-jährige Musikerin ihren mit Abstand besten neuen Song vor dem Hintergrund der kirchlichen Missbrauchsfälle selbst als Frontalangriff auf den Vatikan. Peinlich wird es mit "V.I.P.", einer mit erhobenem Zeigefinger vorgetragenen Anklage öffentlichkeitsgeiler Celebrities, bei der die Irin ernsthaft auch die Verrohung der Jugend durch MTV beanstandet.

Aber bezüglich der Tatsachen, dass es Sinéad O’Connor ohne Musikfernsehen gar nicht geben würde und MTV ohnehin bereits tot ist, herrscht Schweigen. Wer will sich von Details aufhalten lassen, wenn es sich moralinsauer doch am selbstgefälligsten predigt?