Glättungstendenz: das britische Quartett Everything Everything und sein neues Album "Arc". - © Sony Music
Glättungstendenz: das britische Quartett Everything Everything und sein neues Album "Arc". - © Sony Music

Wien. Von der närrischen Jugend hin zur Bürgerlichkeit des Erwachsenseins geht es oft schnell. Mitunter dauert es nur einen Bausparvertrag lang, und schon hat sich die zentrale Fragestellung des Lebens von "Was geht heute Abend?" nach "Armin Assinger oder besser gleich schlafen?" verschoben. Siehe auch: Gesundheitsvorsorge, Rauchverbot, Omega-3-Fettsäuren - sowie natürlich: "Warum??"

Übertragen auf das System Pop bedeutet das, dass eigene Ideen und der Drang, diese ohne Rücksicht auf Verluste auch umzusetzen, im Frühwerk zwar keineswegs schaden. Um eine Never Ending Tour durch wandschrankgroße Kleinclubs und die damit einhergehenden Motelzimmer der sanft ranzigen Sorte zu vermeiden, empfiehlt es sich allerdings, bezüglich und "Pling!" wachsam zu bleiben. Oft kommt es im Leben einer aufrechten Künstlerseele zu der Situation, dass windige Manager sie über das primäre Lockmittel des Kapitalismus an die neue Ford-Werbung ("Brumm . . . pling!") verkaufen wollen - wenn nicht bereits künstlerseitig entschieden wurde, jetzt auch die Charts (sowie den eigenen Kontostand) steil nach oben zu nivellieren. Womit wir bei Everything Everything angelangt wären, die mit "Arc" kommende Woche ihr zweites Album vorlegen.

Zum Heulen


Kennengelernt und eigentümlich geschätzt hat man das britische Quartett, als es sich mit seinem Debüt "Man Alive" im Jahr 2010 zwischen ruppiger Reizüberflutung und popmusikalischem Irrsinn positionierte. Dank zerhäckselter Indie-Pop-Elemente, der Eingemeindung käsiger 80er-Jahre-Sounds sowie der Nennung R. Kellys als Vorbild herrschten Kopfweh und Ratlosigkeit ebenso wie heimliche Begeisterung und stilles Schwärmen.

Mit windschiefen Falsettgesängen und Ohrwurmalarm auslösenden Hooks deuteten die Ergebnisse nämlich auch in Richtung der Talking Heads oder zum Kunst-Pop der Dirty Projectors. Harte Brüche führten die Unternehmung weg von den dabei auch gehörten Coldplay- und Sting-Intermezzi und enttarnten den Sound von Everything Everything am Ende doch noch als "arty".

Auch wenn die anschließende Tour im Vorprogramm der Kuschelrocker von Snow Patrol () oder der Wagnerianer von Muse () auf eine weitere Öffnung hin zur Ford-Werbung schließen ließ, lieferte "Cough Cough" als kluger Vorbote des zweiten und erneut von David Kosten (-) produzierten Albums "Arc" mit gesampeltem Husten und polternden Marching Drums zunächst soliden Nachschub.

Zugunsten einer plötzlich entdeckten Vorliebe der Band für gleichförmige Songstrukturen, kitschige Streicher und rührseliges Weltumarmungsklavier ist von dieser Verschrobenheit auf dem Rest des Albums aber wenig zu hören. Tatsächlich ist Sänger Jonathan Higgs dank aus dem Schmalztopf geschöpfter Songs wie "Duet" oder "The Peaks" endgültig Chris Martin geworden - wobei Everything Everything hier noch larmoyanter klingen als Coldplay selbst.

Spätestens nach der Radiohead-Kopie "Undrowned" ist dann auch dem kritischen Hörer zum Heulen zumute. Ob sich die Entwicklung von der Nerd- zur Normalo-Band für Everything Everything rechnen wird (=?), muss sich hingegen erst zeigen.