Ein Sir, aber kein Kulturpessimist: Max Raabe, hier beim Fotoshooting für sein neues Album, streut Bands wie Tocotronic Rosen . - © Hohenberg
Ein Sir, aber kein Kulturpessimist: Max Raabe, hier beim Fotoshooting für sein neues Album, streut Bands wie Tocotronic Rosen . - © Hohenberg

"Wiener Zeitung":Vor zwei Jahren haben Sie erstmals mit der Pop-Produzentin Annette Humpe zusammengearbeitet. Danach war "Küssen kann man nicht alleine" omnipräsent. Der Hit lief sogar auf dem Selbsterfahrungs-Wochenende von Sexualmedizinern, habe ich gehört. War der Erfolg für Sie absehbar?

Max Raabe: Ich habe sogar gehört, dass ein Priester das Lied von der Kanzel zitiert hat - passend zu dem Bibelwort "Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei". Annette und ich hatten beim Schreiben der Lieder großes Vergnügen. Als die CD aber dann fertig war, dachte ich: "Ogottogott! Wird das vom Publikum, das auf meine Konzerte geht, verstanden? Oder denken die: "Jetzt dreht er durch?" Aber die Leute haben das genauso empfunden wie ich: als Fortentwicklung des Stils der 20er und 30er Jahre. Und es ist ganz klar, dass das Palast Orchester und ich unser ursprüngliches Repertoire weiter verfolgen.

Ist es auch schön, nicht mehr so klar schubladisiert zu werden?

Och, ich hab mich in meiner Schublade ja gar nicht unwohl gefühlt. Ich bin glücklich mit der Musik der Weimarer Republik.

Nun haben Sie ein weiteres Album herausgebracht und dafür mit Humpe vor allem Liebeslieder geschrieben. Lässt sich zu dem Thema noch etwas Neues sagen?

Ich hab mich ja immer davor gedrückt. Wenn ich selber etwas schrieb, waren das Nummern wie "Kein Schwein ruft mich an". Ich dachte, Liebeslieder gibt’s in meinem Repertoire ohnehin zuhauf. Mit Annette hab ich gelernt, dass man solche Musik schreiben kann, ohne permanent in Klischees zu verfallen. Ich glaube, bei uns fällt nicht mal der Satz "Ich liebe dich".

Viele Ihrer Lieder, auch auf der neuen CD, balancieren tragikomisch auf der Kippe. Wie gelingt so etwas?

Das ist mein Humor, ich kann da gar nicht anders. Annette sagt, dass es in der Popmusik normalerweise keine Ironie gibt, dass sie mit mir aber Stücke schreiben könne, die diese Brüche haben. Darum ergänzen wir uns sehr gut.

Wie darf man sich diesen Arbeitsprozess konkret vorstellen?

Die meisten Texte sind am Küchentisch entstanden, wo wir einander Ideen vortragen. Manchmal fallen da Nebensätze, die man schon beim Aussprechen verwirft, während der andere sagt: Moment, da ist was! Man darf sich nicht zu blöd sein, manchmal ungereimtes Zeug in den Raum zu werfen. Wir haben zuerst nach Ideen gesucht, dann die Texte geschrieben und die Melodien dem untergeordnet. Die Orchestrierung trägt die Sache quasi.