George Harrison, gezeichnet von Christian Berger.
George Harrison, gezeichnet von Christian Berger.

Songs können manchmal die Welt verändern. Als George Harrison 1965 die Idee hatte, das Lied "Norwegian Wood" mit einer Sitar klanglich aufzuwerten, war das eine der vielen musikalischen Revolutionen, die die Beatles lostraten. Legionen anderer Musiker entdeckten daraufhin exotische Instrumente und neuartige Klänge für sich.

Und als Harrison ein knappes Jahr danach in dem Song "Love You To" auf dem Album "Revolver" erstmals traditionelle indische Musik mit westlicher Popmusik verband, änderte er die Hörgewohnheiten zwischen Neu Delhi und San Franciso wohl für alle Zeiten. Ohne diese Pionierleistungen hätte die gesamte Musik der späten 1960er Jahre weitgehend anders geklungen, als sie es dann tat, und es ist wahrscheinlich, dass unser aller musikalischer Horizont heute enger wäre, hätte Harrison nicht der Weltmusik die Tore geöffnet.

When He Was Fab


Harrison wurde von der Presse gerne als der "stille Beatle" beschrieben. Das war er tatsächlich, aber nicht, weil er auf den Mund gefallen gewesen wäre, sondern weil ihm diese Rolle neben den extremen Rampensäuen John Lennon und Paul McCartney fast natürlich zufiel. Von Beginn der Beatles an stand George im Schatten dieser Twin Towers des Pop mit ihren Mega-Egos, und er hat sich trotzdem menschlich und künstlerisch behaupten können. John Lennon hat in der für ihn typischen "Bescheidenheit" einmal gesagt: "George ist ein guter Songschreiber, er hat ja bei den Besten gelernt".

Mit diesem ersten großen Benefizkonzert schrieb George Harrison 1971 (Rock-)Geschichte.
Mit diesem ersten großen Benefizkonzert schrieb George Harrison 1971 (Rock-)Geschichte.

Wenn diese Titanen (und Egomanen) es duldeten, dass außer ihnen noch jemand Lieder für die Band schrieb, dann sagt das über die Qualität von George Harrisons Kompositionen wohl mehr als genug aus. Aber auch wenn Harrison mit "While My Guitar Gently Wheeps", "If I Needed Someone", "Taxman" und "Here Comes The Sun" einige der beliebtesten, besten und zeitlosesten Nummern der Beatles schrieb, wurde er doch immer wieder als Randfigur der größten Band der Welt wahrgenommen.

Exemplarisch für diese strukturelle Geringschätzung war, als Frank Sinatra bei einem Konzert den Harrison-Song "Something" zwar als "schönstes Liebeslied aller Zeiten" ankündigte, dann aber dazusagte, dies sei seine "Lieblingskomposition von Lennon/McCartney".

Ab 1968 entfremdete sich Harrison zusehends von den anderen Beatles. Er war es gewesen, der die Band mit neuen Klängen, östlicher Spiritualität und indischen Gurus bekannt gemacht hatte, aber während sich John, Paul und Ringo davon bald wieder abwandten, blieb George ein Suchender, der von Buddhismus über Hinduismus bis hin zur Transzendentalen Meditation alles ausprobierte und sich auf seine Art zu eigen machte.

Auch musikalisch drifteten die Ideen von Lennon/McCartney und Harrison immer weiter auseinander. George war frustriert, weil er sich als Songschreiber immer noch nicht ernst genommen fühlte, weil Lennon sich zunehmend von den Beatles ab- und der von George innig gehassten Yoko Ono zuwandte - und weil ihm Paul und John stets nur Platz für ein oder zwei Songs pro Platte ließen. So kam es, dass Harrison mit "Wonderwall" und "Electronic Sound" die ersten Soloplatten veröffentlichte: zwei reichlich experimentelle Werke ohne großen Massenerfolg.

Im Jänner 1969 wurde es dem Gitarristen dann zu viel: Er verkündete seinen Ausstieg aus der Band und konnte erst nach langem Flehen der restlichen Beatles zur Rückkehr bewogen werden. Doch die Spannungen blieben, und man kann im Film "Let It Be" sehen, wie genervt Harrison damals war, wenn ihn McCartney mal wieder schulmeisterte, oder wenn Lennon seine Yoko mit ins Studio brachte und diese versuchte, George die Musik zu erklären. 1970 hatten dann schließlich alle die Schnauze voll - und die Fab Four waren Geschichte.

Give Me Love (Give Me Peace On Earth)


Zur Überraschung vieler startete George Harrison mit dem Welthit "My Sweet Lord" und dem ersten Dreifachalbum der Rockgeschichte, "All Things Must Pass", mit Abstand am erfolgreichsten in das Nach-Beatles-Leben. Die LP wurde von Phil Spector aufwändig produziert und beinhaltete nicht nur so große Songs wie "Isn’t It A Pity" oder "What Is Life", sondern auch die besten Begleitmusiker, derer George damals habhaft werden konnte.

Unter ihnen war auch Eric Clapton, der Harrison zwar kurz zuvor die Frau ausgespannt hatte, aber trotzdem lebenslang einer seiner besten Freunde blieb. Um "My Sweet Lord" entbrannte ein Rechtsstreit, da der Song verteufelt ähnlich klang wie "He’s So Fine" von den Chiffons, ein alter Schlager von 1963. Harrison unterlag vor Gericht und wurde wegen "unbewusster Urheberrechtsverletzung" zu einer Schadensersatzzahlung von mehr als eineinhalb Millionen Dollar verdonnert.

Doch spätestens mit seinem nächsten Nummer-1-Hit, "Give Me Love (Give Me Peace On Earth"), konnte George sein Sparschwein wieder mästen. Außerdem organisierte er 1971 das erste große Benefizkonzert der Popgeschichte, das "Concert For Bangladesh".