Üblicherweise startet man, um etwas zu beschreiben, beim Anfang. Bei "Rivonia", dem Nachfolger von Dear Readers exzellentem und dementsprechend gefeierten Album "Idealististic Animals" (2011), beginnen wir aber beim Ende: "Victory" ist ein uninstrumentiertes Stück Chorgesang, das sowohl an archaische amerikanische Kriegslieder erinnert als auch an eine bestimmte Art weißer Kirchenlieder gleicher Provenienz. Was die musikalische Ähnlichkeit der beiden Idiome schon formal indiziert, schreibt der Dear Reader-Song inhaltlich fort: Ein Krieg ist mit Gottes Hilfe immer ein rechtschaffener und erfolgreicher.

Das Cover von "Rivonia".
Das Cover von "Rivonia".

Kein Heimatgefühl


Konkret geht es in "Victory" um die Auseinandersetzung zwischen englischen Kolonialisten und einheimischen Zulus auf südafrikanischem Boden. Die Geschichte Südafrikas ist das Thema, um das sich der gesamte Longplayer dreht. Sein Titel "Rivonia" bezeichnet das Viertel in Johannesburg, in dem Dear-Reader-Sängerin und -Songschreiberin Cherilyn MacNeil aufgewachsen ist. Es ist aber auch der Schauplatz der "Rivonia Trials", in deren Folge Nelson Mandela und die gesamte Führung des damals illegalen African National Congress (ANC) auf die Gefängnisinsel Robben Island verbannt wurden. Vorangegangen war den Schauprozessen die Verhaftung hochrangiger ANC-Mitglieder im nämlichen Viertel, die möglich wurde, weil ein Bub zufällig eine Versammlung von ihnen beobachtet hatte.

"Rivonia" ist also musikalische Vergangenheitsbewältigung. So etwas soll vorkommen, selbst im Pop, verwundert aber im Falle MacNeils: Sie lebt seit drei Jahren in Berlin - und beginnt dort nach eigener Aussage bereits Wurzeln zu schlagen. In Südafrika dagegen, so hat sie vor zwei Jahren im "Wiener Zeitung"-Interview erzählt, habe sie sich nie heimisch gefühlt, habe sie immer das Gefühl gehabt, es sei nicht legitimerweise ihr Land, sondern anderen weggenommen worden.

In Südafrika geboren, seit drei Jahren in Berlin lebend: Cherilyn MacNeil bei einem Kurzbesuch im Wiener RadioKulturcafé. - © Foto: Bruno Jaschke
In Südafrika geboren, seit drei Jahren in Berlin lebend: Cherilyn MacNeil bei einem Kurzbesuch im Wiener RadioKulturcafé. - © Foto: Bruno Jaschke

"Ich glaube, ich habe diese Platte gerade deswegen gemacht, um dieses Gefühl in den Griff zu bekommen", sagt Cherilyn MacNeil heute. "Es heißt nicht notwendigerweise, dass sich diese Gefühle nun geändert hätten, und ich bin auch nicht sicher, ob sie jemals verschwinden werden. Aber andererseits wurde ich in Berlin immer wieder mit Fragen über Südafrika konfrontiert, und es war wirklich peinlich, wie wenig ich dazu zu sagen hatte. Ich habe wie in einer Blase gelebt. Die Tatsache, dass es in Südafrika Armut gab, Ungleichheit, Leute, die der Freiheit beraubt sind, das hat mich so bedrängt, dass ich eine Tendenz entwickelte, in die Fiktion oder wohin auch immer zu flüchten. Ich hatte das lange Zeit ausgeblendet. Erst vor kurzem habe ich viele Bücher über diese Zeit gelesen, um Kenntnis über sie zu erhalten."

Subjektiver Blickwinkel


MacNeils Texte sind großteils autobiografisch. So verarbeitete sie in "Idealistic Animals" eine zwei Jahre währende Depression. Dass sie sich selbst in "Rivonia" einbringt, wo durch die inhaltliche Rahmung persönlichem Spielraum an sich Grenzen gesetzt scheinen, hat indes weniger mit Selbsttherapie zu tun, sondern ist vor allem ihrem skrupulösen Zugang zum Thema geschuldet.

"Über historisches Geschehen zu schreiben, das von vielen verschiedenen Personen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann, ist eine heikle Sache. Die Wahrheit mit großem ,W‘ konnte ich sowieso nicht schreiben. Eine moralische Wertung wollte ich ebenfalls vermeiden. Ich erzähle die Geschichten daher aus subjektiven Blickwinkeln: Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich in bestimmten Situationen reagiert hätte."

In "Took Them Away" versetzt sich MacNeil in die Situation des Buben aus Rivonia, der unabsichtlich die ANC-Mitglieder und -Sympathisanten ans Messer lieferte, weil er beim Spielen ihr Treffen in einer Scheune beobachtet hatte und, da es ihm seltsam vorkam, seinem Vater davon erzählte. "Ich kenne ihn nicht, aber in meinem Song empfindet er Reue. Er wusste nicht, was er anrichtete. Und ich schildere ihn so, weil er ,ich‘ ist. Er repräsentiert meine Kindheit: mitten in diesem System zu leben, ein Teil davon zu sein - und es nicht wirklich zu verstehen."

Mit Nelson Mandela, der mittelbar zum prominentesten Opfer der durch den Buben ausgelösten juristischen Kettenreaktion wurde, schließt sich MacNeil in "Back From The Dead" kurz: Seinen Gefühlen von Niedergeschlagenheit und Aufgabe-Impulsen während seiner Verbannung bis zu seiner triumphalen Rückkehr spürt sie mit der Erfahrung und Überwindung ihrer Depression nach. In "Man Of The Book" erzählt MacNeil die wahre Geschichte, wie ihr Ururgroßervater (der im Song aus Gründen des Versmaßes eines Ur-s beraubt wird) auf einer Reise das Hotelbett mit Mahatma Gandhi teilte, nachdem diesem als farbigem Inder ein Zimmer verweigert worden war.

Während MacNeil ihre Geschichten, die keineswegs Geschichtsunterricht sein sollen, anschaulich, versiert und nicht ohne leicht abseitigen Humor erzählt - so vergisst sie etwa bei der Verhaftungsszene nicht, den Hund zu erwähnen, der die 14 Polizisten begleitete -, erschließt sich die musikalische Umsetzung schwieriger. Weg ist der anheimelnd-melancholische, in allen Klangfarben schillernde Pop-Appeal, der "Idealistic Animals" so attraktiv machte - "Rivonia" ist reduzierter, strenger, fordernder, stringenter. Die 34 äußerst erfüllten und erfüllenden Minuten Spielzeit herrscht eine Art kammermusikalische Intimität, die aber Platz für viel Bewegung lässt.