Huldigt einer Songschreiberfabrik: Kurt Elling. - © Anna Webber
Huldigt einer Songschreiberfabrik: Kurt Elling. - © Anna Webber

Wien. "Entschuldigen Sie den Lärm im Hintergrund", sagt Kurt Elling: Er packt in Übersee gerade seine sieben Sachen. Und darin hat der Mann Routine. Rund 180 Auftritte hat der Jazzbariton aus Chicago allein im Vorjahr absolviert - für Elling kein statistischer Ausreißer. Ob ihn das chronische Reisen nervt? "Da bin ich ein Opfer meines Erfolgs", sagt der Familienvater. Andererseits: "Ich habe hart gearbeitet, um mich mit dem Publikum in aller Welt zu verbinden. Und ich habe überall Freunde."

Die Wiener Fans beglückt der 45-Jährige am heutigen Mittwoch im Konzerthaus - und rührt die Werbetrommel für sein neues Album. Zumindest das ist an eine klare Adresse gebunden: "1619 Broadway" heißt es und verweist so auf das legendäre Brill Building. In den 30ern errichtet, avancierte das New Yorker Haus zu einem Tummelplatz der Musikbranche: Burt Bacharach schrieb dort Streichelpop-Geschichte, Carole King so manches Lied für fremde Kehlen, und ein Duke Ellington hatte da ebenso einen Geschäftssitz wie Paul Simon.

Exzentrische Kreationen


Eine Hommage an diese Buntscheckigkeit ist für Elling aber nicht nur ein willkommener Anlass, das volle Farbenspektrum seiner Stimme - von dunkelsämig bis hellrauchig - auszukosten. Mancher alte Hadern, "On Broadway" zum Beispiel, erhielt für das neue Album reizvoll frische Harmonien. Eine Arbeit, die Elling nicht einfach auslagerte, sondern mit seinem Pianisten Laurence Hobgood in Angriff nahm. Ob ihn das Klischee ärgert, dass zwischen Instrumentalisten und Jazzsängern ein - nun ja - Intelligenzgefälle besteht? Ein Opfer dieses Vorurteils sei Elling nie geworden. "Ich denke, es obliegt den Sängern, diese weitverbreitete Annahme zu widerlegen."

Er selbst hat das schon mit recht exzentrischen Projekten getan. Haargenau hat er die Instrumentalsoli mancher Jazzgranden einstudiert, eine anspruchsvolle Textunterlage gesucht - und vertrackte Songs gebastelt.

Eine eigenwillige Mischung wird Elling auch mit dem nächsten Album kredenzen - aber wohl ohne dabei den Altvorderen des Jazz zu huldigen. "Ich singe in sieben, acht Sprachen, das Repertoire stammt aus aller Welt." Der Chicagoer knöpft sich mit der WDR Big Band unter anderem "La vie en rose", Italopop und ein Brahms-Lied vor, die CD ist in Vorbereitung. Ob er allmählich vom Jazz abkommt? "Jazz ist meine erste Liebe. Aber die wichtigste Frage für mich ist nicht, ob etwas Pop oder Jazz ist, sondern die Qualität, die am Ende herauskommt."