Höchst eigenwillig: Deerhunter mit Bradford Cox (M.). - © Robert Semmer
Höchst eigenwillig: Deerhunter mit Bradford Cox (M.). - © Robert Semmer

"Quality, Consistency & Variety" - mit diesem Slogan bewarb der beste Sandwich-Shop der englischen Kleinstadt, in der ich einst studierte, seine Produkte. Ein Slogan, der auch auf die Platten von Bradford Cox übertragbar ist. Breit wie die Auswahl in einem Sandwichladen fällt nämlich auch das musikalische Spektrum des 1982 geborenen US-Amerikaners aus: Von experimentellem Noise über punkigen Gitarrenrock bis zu zuckersüßem Pop ist im Repertoire des Mannes eigentlich alles vorhanden. Was will man also mehr?

Schlaksiger "Nerd"


Hauptsächliches Vehikel seines Schaffens ist die Band Deerhunter, deren Debütalbum "Turn It Up Faggot" im Jahre 2005 auf alles Spätere eher hindeutete, als es dieses vorwegnahm. Seit 2008 betreibt Cox zudem sein Solo-Projekt Atlas Sound und verschenkt fleißig EPs im Netz, die zumeist eher experimentell ausfallen, der Bezahlmusik aber oftmals kaum nachstehen.

Knapp zehn Alben sind bisher offiziell erschienen, von denen kein einziges bei den Kritikern schlecht ankam - von den Fans ganz zu schweigen. Und zu einem Fan wird man spätestens dann, wenn man Cox als schlaksigen Nerd auf der Bühne erlebt. Schließlich erfüllen die Liveshows von Deerhunter alle Anforderungen an das sonst so selten eingelöste Versprechen des Rock’n’ Roll, das Publikum in eine andere Sphäre zu katapultieren. Verantwortlich für die stets umwerfenden Konzerte der Band ist nicht zuletzt die unheimliche Präsenz ihres Frontmanns, dessen so hagere wie ausgemergelte Gestalt sich dem Marfan-Syndrom "verdankt", einem heimtückischen Gen-Defekt, wegen dem Cox als Jugendlicher lange Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Überhaupt war die Kindheit des aus Athens im US-Bundesstaat Georgia gebürtigen Musikers keine glückliche Phase, zumindest wenn man den Texten vertraut: Missbrauch, Suizid, sexuelles Außenseitertum, Hass, Entfremdung und andere Unerquicklichkeiten mehr werden dort zumeist verhandelt. Keine Gaudi also, dafür aber eine potente Mischung, aus der Kunst resultiert, die von Aggression und Zerbrechlichkeit zugleich geprägt ist.

Seine Homosexualität stellt Cox auf der Bühne wie in Interviews gerne möglichst provokativ zur Schau, was im prüden Amerika freilich nicht allzu schwer ist. Sein langjähriger Partner Lockett Pundt spielt für Deerhunter übrigens Gitarre und betreibt als Lotus Plaza ebenfalls ein ausgezeichnetes Soloprojekt.

Lässig scheppernd


Alben wie "The Floodlight Collective" (2009) und das im Vorjahr erschienene "Spooky Action At A Distance" halten nicht zuletzt dank des virtuosen, mit ordentlich Hall verzerrten Gitarrenspiels von Pundt durchaus mit dem Output Deerhunters mit. Lotus Plaza ergänzt sich insofern hervorragend mit Atlas Sound, für das Cox seine tendenziell sanften, introspektiveren Songs reserviert - wie etwa auch auf dem 2011 veröffentlichten Meisterwerk "Parallax" nachgehört werden kann, in dessen fragiler Intensität sich gewissermaßen schon der Nervenzusammenbruch ankündigte, den Cox nach der Veröffentlichung erlitt.

Mit "Monomania" klingt der aktuelle große Wurf von Deerhunter so, als hätte die Band den Reset-Knopf gedrückt, um im Wissen um das bisher Erreichte noch einmal richtig loszulegen. Es setzt Songs, die mit der Energie aus den Randbereichen der modernen Tonkunst aufgeladen sind, verzerrte Sounds und dichte Gitarrentexturen, die sich zu mächtigen, manchmal überwältigenden Nummern formieren - wie etwa bei groovigen Garage-Rock-Monstern wie "Leather Jacket II" oder dem lässig scheppernden "Neon Junkyard", mit dem Cox das Album eindrucksvoll eröffnet.

Der ekstatische Titeltrack wiederum vermittelt einen Eindruck davon, wie im Rock die Repetition zur Relevation führt, während "Blue Agent" als bestechender Popsong daherkommt, der zunächst wie aus dem Ärmel geschüttelt wirkt. Die tatsächliche (und zweifelsohne dem Ärmel eines Genies geschuldete) Substanz offenbart sich aber erst nach wiederholten Hördurchgängen, denen man sich freilich gerne hingibt: "Monomania" ist ein Album geworden, von dem man nicht genug kriegen kann.

Deerhunter: Monomania. (4AD/Indigo)