Wien. Heavy-Metal-Fans: lange Haare, verwaschene Jeans, speckige T-Shirts - und das sollen die neuen Spießbürger sein? Ja, sagt der Münchner Soziologe Rainer Sontheimer. "Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass die Metal-Szene extrem konservativ und spießig ist." Sontheimer ist einer von 50 Wissenschaftern, die sich kürzlich zu den "dritten interdisziplinären Arbeitsgesprächen zur Heavy-Metal-Forschung" an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst (MDW) trafen.

"Seit 2008 wird Heavy Metal intensiv wissenschaftlich beforscht", klärt Organisatorin Sarah Chaker vom Institut für Musiksoziologie der MDW. "Musikforschung ist immer auch Gesellschaftsforschung. Daher kann man am Beispiel des Metal viel über das postmoderne Leben lernen", sagt sie, "Metal entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern wird in einem sozialen Wechselspiel erzeugt."

Bequeme Metal-Fans

Als Selbstzweck will Chaker Metal-Studies nicht verstanden wissen: "Wir sind nicht ein paar Freaks, die sich einfach in ihrer Dissertation über ihr Lieblingsthema verbreitern."

So hat die Uni-Assistentin zwar mit einer Arbeit über "Musikalische Praxis und juvenile Vergemeinschaftung in den Black- und Death-Metal-Szenen Deutschlands" promoviert, als Metal-Fan bezeichnet sie sich aber nicht. Vielmehr sei sie eine "musikalische Allesfresserin".

Bei anderen Metal-Forschern ist die Leidenschaft für harte Musik allerdings schwer zu übersehen. Auch bei Sontheimer, der mit langen Haaren, Ledermantel und "Rammstein"-T-Shirt keinen Hehl aus seinem Fan-Sein macht.

Trotzdem ist er vom Konservativismus und dem wachsenden Spießbürgertum in der Heavy-Metal-Szene überzeugt - und führt sich gleich selbst als Beispiel an: "Es wird mir keiner glauben, aber ich bin CSUler." Allerdings meint Sontheimer mit Spießigkeit weniger politischen Konservativismus als die Übernahme bürgerlicher Verhaltensmuster. So gibt es eigene Kreuzfahrten für Heavy-Metal-Fans, bei Festivals wird viel Wert auf Verpflegung, Unterbringung und Zustand der sanitären Anlagen gelegt und auch die angebotenen Fanartikel - vom "Slayer"-Wein über "Megadeth"-Kaffee bis hin zu "Kiss"-Pyjamahosen - entsprechen nicht mehr den früheren Klischees von Leder und Nieten. Sontheimers Fazit: Die Metaller sind mittlerweile selbst Teil des Bürgertums geworden, das sie einst so vehement kritisierten. Tatsache ist allerdings auch, dass der durchschnittliche Metal-Fan einfach auch älter geworden ist - und bequemer. Trotzdem ist nicht zu bestreiten, dass Heavy Metal in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. So ist dieser Tage das neue "Black Sabbath"-Album ganz selbstverständlich in diversen Feuilletons.

Keineswegs neu ist der musikalische Konservativismus in der Heavy-Metal-Szene. Authentizität, die "Suche nach der Essenz" und ständige Rückbesinnung sind wesentliche Merkmale der Branche. Ein neues "Metallica"-Album gilt den echten Fans dann als gut, wenn es klingt wie aus den 80er Jahren. Und mit Begeisterung werden neue Bands registriert, die "den alten Sound" rüberbringen. "Retro", nennt Kulturwissenschafter Uwe Breitenborn von der Hochschule Magdeburg diesen musikalischen Konservativismus. Selbst neue Strömungen - Breitenborn nennt das Metal-Genre "Neo-Thrash" als Beispiel - entpuppt sich letztlich als bloßes Revival: "Dieses Neo war Retro."

Unpopuläre Popkultur

Die Wissenschaft nähert sich dem Phänomen Heavy Metal mittlerweile aus allen möglichen Richtungen an: Ob soziologisch oder musikwissenschaftlich, theologisch oder geografisch - ein Referat befasste sich tatsächlich mit der Metal-Szene in Kenia.

Tatsache ist, dass die harte Musik längst kein gesellschaftliches Randphänomen mehr ist. Selbst Politiker können sich dazu bekennen. Mainstream ist es allerdings nicht. Es ist, wie es Esteban Sanchino Martinez von der Universität Münster nennt, "ein unpopuläres Massenphänomen, eine unpopuläre Populärkultur" - und wie die Tagung "Heavy Metal and Society" zeigte, ein spannendes Objekt wissenschaftlicher Forschung.