"Ich habe die Zukunft gesehen. Ich werde nicht hingehen. Ich bleibe hier. Wer bleibt mit mir? Die Zukunft ist nicht schön."

Mäuse-Quartett: Tex Rubinowitz, Philipp Quehenberger, Gerhard Potuznik und Didi Kern. - © Foto: Hertha Hurnaus
Mäuse-Quartett: Tex Rubinowitz, Philipp Quehenberger, Gerhard Potuznik und Didi Kern. - © Foto: Hertha Hurnaus

Mit einer rockigen Version von "Nichts ist besser als gar nichts" wird das neue Album der Mäuse fröhlich eingeleitet. Nachdem die erste Irritation - Rock und Mäuse - überwunden ist, entfaltet sich in "Ich bin elastisch" das nihilistische Psychenarrangement als soziologische Analyse, die aus der Feder von Richard Sennett ("Der flexible Mensch") stammen könnte: "Es gibt Menschen, die wollen zum Mond. Es gibt Leute, die müssen aufs Klo. Es gibt Leute, die füttern die Bäume, und andere bevölkern die Träume."

Diese scheinbar wahllose Aneinanderreihung von Wünschen und Bedürfnisbefriedigungen spitzt die menschliche Anpassungsfähigkeit ganz im Sinne Nietzsches zu: "lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen. . . " ("Zur Genealogie der Moral").

Von 1994 bis 1999 machten der Cartoonist Tex Rubinowitz und der Elektromusiker Gerhard Potuznik (GD Luxxe) als Mäuse schon einmal Musik. Sie veröffentlichten drei Alben: "John Lennon beim Betreten einer Bar in New York" (1994), "Teen Riot Günther Strackture" (1996) und "Made in Japan" (1997). Zwischen Sprechgesang, Spoken-Word-Performance und Geschrei, kreischenden Gitarren, elektronischem Minimalismus und Discobeats spielten Rubinowitz und Potuznik mit dem Sinn: "Eine Soße ohne Dill ist wie Soße mit Dill, nur ohne Dill" ("Il Pullover").

Musikalisch erfand die Band einen eigenwilligen Elektroclash, der sie hätte berühmt machen müssen - frickelte doch wenige Jahre später jeder, der einen Computer besaß, an mehr oder minder autistischen Wohnzimmerelektrosounds herum. 2007 kam es mit Philipp Quehenberger (Keyboards) und Didi Kern (Schlagzeug) zu einer Wiederbelebung des Projekts, die aber nur bis 2009 währte. Zum Glück jedoch für die transzendentale Musikwelt haben die Mäuse wieder zusammengefunden und nach einer 2011 veröffentlichten EP heuer ein neues Album eingespielt.

"Das Judasevangelium" schöpft aus einem Fundus tanzbarer Pop- und Rockarrangements, wobei einige Lieder aus den 90er Jahren aufpoliert wurden. Bei "Ich weine lieber im Taxi als im Bus" mag man nun an Gitarrenriffs à la Motörhead denken, bei "Der Brummbär" an den Garage Punk von The Sonics. Der Spacediscosong "Der Hammer in der Hand des Idioten", der an die Neue Deutsche Welle erinnert, persifliert nicht nur einen Musiktrend: "Und er schaut in das Loch und das Loch schaut zurück." Neben allen Gore-Anspielungen lässt sich das wachsende Loch im Schädel durchaus als Metapher auf den gegenwärtigen Selbstdarstellungswahn verstehen: Denn lieber nehmen wir in Kauf, dass unsere Daten, die wir in die digitale Welt senden, missbraucht werden, als dass wir uns nicht mehr an den sozialen Netzwerken beteiligen und verstummen würden. Wer nicht bloggt, facebooked oder twittert, ist tot. (Auch Mäuse haben eine Facebook-Seite.)

Die Kritik an den narzisstischen Strukturen, die sich bloß um ihrer selbst willen generieren, ist dann auch die zweite Gemeinsamkeit zu den Sennett’schen Analysen. "Warum ist es so, dass alles, was du jemals denkst und sagst, keinen interessiert? Und dann du den Bus nimmst und weinst. Deine Tränen trocknen schnell, weil du keine Zeugen hast", heißt es in "Sandpapier". Wenn man sich aber mit Sandpapier auf schmerzhafte Weise bearbeitet, findet man wieder Gehör.

Mäuse haben mit ihrem aktuellen Album eine ebenso kurzweilige wie humorvolle gesellschaftliche Bestandsaufnahme vorgelegt, die die Unverbindlichkeit zwischenmenschlichen Zusammenlebens und den Mythos um Authentizität entlarvt, indem sie die Banalität der Alltagssprache fragmentiert. In "In der Schlichtheit liegt der verdorrte Pomp" wird eine - reale - Traueranzeige zur Musik von Dieter Zimmermann vorgetragen: "War er für uns der gebürtige Asiate oder der sympathische Wahl-Lüdenscheider? Oder beides?"