Weltumarmende Melodien: Travis und ihr Album "Where You Stand". - © Wohnzimmer records
Weltumarmende Melodien: Travis und ihr Album "Where You Stand". - © Wohnzimmer records

Von Coldplay-Sänger Chris Martin ist das Bekenntnis überliefert, Travis hätten seine Band erfunden. Das ist nicht wörtlich zu verstehen und bedeutet, dass der auf den Gefühlshaushalt und eine durch und durch positive Deutung des Lebens gebaute Sound der Schotten mindestens inspirierend auf Coldplay einwirkte. Zusätzlich ließ das erhöhte Publikumsinteresse an dieser weltumarmenden Kunst die Plattenfirmen entsprechend einkaufen gehen - und Acts wie eben Coldplay und deren Erbauungsbotschaft auf stadiontauglicher Pathos-Basis ihren Weg auf die Rotationsliste von Ö3 und seinen internationalen Formatradioschwestern finden.

Nachdem auf dem von der Musikpresse tendenziell höflich abgenickten Debütalbum "Good Feeling" im Jahre 1997 noch verhältnismäßig aufgedrehte Gitarren für eine schon nicht zu bierselige Britpop-Deutung sorgten, kam der Durchbruch für Travis zwei Jahre später mit dem Album "The Man Who" und dessen hörbar mit dem Glätteisen behandeltem Gitarrenpop.

Heulsusigere Tage


Unter Beigabe von etwas Folk und mehr Nachdenklichkeit entstandene Hits wie das möglicherweise auch vom Wetter daheim in Schottland ermöglichte "Why Does It Always Rain On Me?" und vor allem "Driftwood" schallten aus sämtlichen Kanälen und kamen an heulsusigeren Tagen insgeheim auch im eigenen Jugendzimmer gut an.

2005 bezeichnete sich Chris Martin als Fran Healy für Arme und machte sich damit durchaus sympathisch. Damals waren Coldplay mit "X&Y" auf dem kommerziellen Höhepunkt ihrer Karriere angelangt, den Travis auch aufgrund ihres Veränderungsunwillens bereits hinter sich gebracht und gegen ein Dasein für die treue Fanschar eingetauscht hatten. Der harte Kern zeigte sich hingegen erfreut, von seiner Stammband neben brutaler Sanftheit nach wie vor exakt keine Kanten zu hören.

Mit "Where You Stand" liegt nun das erste Album des Quartetts seit fünf Jahren vor. Mit Travis in der Hauptrolle als Männer, die Gefühle haben, und dem stets sympathischen Fran Healy als inzwischen ergrautem Trostspender am Mikrofon ist dabei fast alles beim Alten geblieben.

Für das Mädchen in uns


Auch dem Umstand zum Trotz, dass anstelle Healys als Mastermind nun alle Musiker Songs beisteuern dürfen und die gewohnt menschelnden Melodien für Mehrzweckhalle und Formatradio nicht immer in allzu motivierter Produktion aus den Boxen kommen. Man höre etwa "New Shoes", dessen grundsätzliche Harmlosigkeit von einem dünnen Beat aus dem Drum-Computer begleitet wird.

Healys einst auch gerne den Thom Yorke gebende Sangesstimme scheint Geschichte, dafür macht sich ein leichtes Mehr an U2 ("A Different Room"), R.E.M. ("On My Wall") oder Bruce Springsteen ("Mother") im Sound bemerkbar. "Warning Sign" hingegen könnte in dieser oder ähnlicher Form auch auf das Konto des britischen Synthie-Schlager-Duos Hurts gehen. Besser das trocken arrangierte "Another Guy" oder "Reminder", der Herbstsong für das Mädchen in uns.

"The Big Screen" als Drama am Klavier ist zum Abschluss nicht zwingend als Happy End zu verstehen. Für Songs und Gefühle gilt gleichermaßen: Oft sind auch weniger gute dabei.

Travis: "Where You Stand" (Red Telephone Box/GoodToGo)