Eklektische Musik und wachsame Töne: Archy Marshall alias King Krule. - © Jamie-James Medina
Eklektische Musik und wachsame Töne: Archy Marshall alias King Krule. - © Jamie-James Medina

Das Debütalbum des Mannes wurde in der Blogosphäre bereits seit geraumer Zeit erwartet und galt spätestens nach Archy Marshalls Nominierung für den "BBC Sound Of 2013"-Poll als eines der Pop-Ereignisse im Kalenderjahr 2013. Das ist insofern erstaunlich, als der unter seinem Pseudonym King Krule eklektische Nachtmusiken auf der Höhe der Zeit produzierende Musiker gerade erst seinen 19. Geburtstag gefeiert hat.

Verschwommene Ästhetik


Teile des nun unter dem Titel "6 Feet Beneath The Moon" erschienenen Erstlings entstanden zwar bereits, als der unter Obhut seiner Mutter im vom innerstädtischen Reichtum der Finanzmetropole verschonten Süden Londons aufgewachsene Jungspund mit sage und schreibe zwölf Jahren zur Realitätsflucht per Musik ansetzte. Dass der Ursprung dieser 14 und bei einer Spielzeit von immerhin 53 Minuten gefühltermaßen sehr kurzweiligen Songs im Kinderzimmer liegt, wäre ohne entsprechendes Vorwissen allerdings nicht zu vermuten. Auch und vor allem die tief-dunkle und in den zornigen Momenten mehr gebellte als gesungene Stimme, die klingt, als wäre bei den Aufnahmen das eine oder andere Bier zu viel im Spiel gewesen, ist diesbezüglich ins Feld zu führen. Am Mischpult in Szene gesetzt wurde das markant-charismatische Organ von King Krule wohl nicht ganz zufällig von Rodaidh McDonald, der etwa auch für alte Soul-Männer wie Bobby Womack und den vor zwei Jahren verstorbenen Gil Scott-Heron beschäftigt war.

Die Musik selbst kommt als Konglomerat zahlreicher Genres daher. Das Selbstverständnis als Digital Native, dem die Tore zur Musikgeschichte auf Mausklick hin offen stehen, sowie wohl auch ein (nicht abgeschlossenes) Studium an der durch einstige Schülerinnen wie Amy Winehouse, Adele oder Katie Melua bekannten Brit School for Performing Arts & Technology legten das Fundament, auf dem Marshall seinen durchwegs originären Sound erstellt. Spoken Word, sublime Beats, mit reichlich Hall evozierte Post-Mitternachts-Atmosphären und eine zwischen Joy Division, Chet Baker und The xx weitläufig definierte Gitarrenhandhabung markieren sein Reich. Dazu kommt eine Soundästhetik, die dem Verschwommenen und Verwaschenen grundsätzlich Vorrang gewährt. Während artifizierte Black-Music-Überreste den tief in ihren Sog ziehenden Soundscapes von "Foreign 2" unterschwellig zuarbeiten oder mit "Neptune Estate" ein Album-Highlight auf zwischen Barhocker-Jazz und Kirchenbank-Gospel angesiedelten Klavierakkorden basiert, geht es zum fluchenden "A Lizard State" mit zackig-souligen und freakig-jazzigen Bläsern ungewohnt explizit zu.

Lob von Beyoncé


Auf der Textebene setzt es graue, schwarze und vom Blues her kommend blaue Farbtöne, die mit einer sehnsuchtsvoll besungenen "she" ebenso zu tun haben können wie mit der von Marshall in Interviews geäußerten Sensibilität für die soziale Tristesse unserer Tage. Zur Zeit der London Riots in deren Epizentrum im Stadtteil Peckham wohnhaft, spiegelt sich die Trostlosigkeit einer Jugend ohne Hoffnung zwischen Arbeitslosigkeit und Low-Income-Job im Callcenter wider. "Your dead-end job has been eating away your life/You feel little inside", wie es etwa im eröffnenden "Easy Easy" heißt - was anderswo zu Verzweiflung und Abstumpfung ("I know when I look into the sky /There is no meaning") oder vorauseilenden Rückzugstendenzen ("I don’t care about sunny days/ Gonna keep me out of sight right under the shade") führt.

Dass Marshall neben all dieser künstlerischen Verarbeitungsgabe aber auch über jede Menge Selbstbewusstsein und Humor verfügt, wurde zuletzt mit einem MTV-Interview deutlich. Auf Lob für ihn durch US-R-’n’-B-Star Beyoncé angesprochen, die auf Facebook für seine Musik werben ging, setzte es nichts weniger als ein überzeugtes "It doesn’t surprise me. I think my music’s good" - so muss die Jugend sprechen!

King Krule: "6 Feet Beneath The Moon" (XL Recordings/Beggars Group)