Arcade Fire, in Pappmaché-Masken gehüllt: eine Szene aus dem Video zur Single "Reflektor". - © Bild: Screenshot YouTube
Arcade Fire, in Pappmaché-Masken gehüllt: eine Szene aus dem Video zur Single "Reflektor". - © Bild: Screenshot YouTube

Die zentralen Songs des Jahres erklingen im Disco-Sound: Nachdem Daft Punk mit "Get Lucky" und dem dazugehörigen Album "Random Access Memories" bereits im Frühjahr eine (schwierige) Hommage auf die diesbezüglich goldene Ära der 1970er Jahre lieferten, kommen nun auch Arcade Fire mit rotierenden Bässen, im mittleren Tempobereich geklopften Bongos und kurz angeschlagenen Funkgitarren daher.

Im Gegensatz zu Daft Punk und deren quer durch die Stile auf den Dancefloor konzentrierten Produktionen mag der ästhetische Wechsel für Arcade Fire grundsätzlich schwieriger sein - immerhin wurde die Kundschaft beinahe zehn Jahre und drei fantastische Alben lang an einen wie auch immer gearteten Alternative Rock mit hymnischer Wirkung gewöhnt.

Düster tanzen


Und doch ist das in der Nacht auf Dienstag - und nach einer mittlerweile obligatorischen Phase des netzviralen Vorab-Geplänkels - veröffentlichte "Reflektor" erneut auf Anhieb fesselnd. Hörbar klug wurden die Kernkompetenzen der Band mit den klassischen Genre-Formeln einer vergangenen Zeit kombiniert, die niemand Geringerer als der ehemalige LCD-Soundsystem-Impersonator James Murphy an den Reglern wiederum über seinen modernisiert-zeitlosen Zugang aufbricht.

Arcade Fire definieren Disco zwar auch mit zuarbeitenden Bläsern und Streichern, legen den knappen Achtminüter aber als Soundtrack an, der nicht nur klanglich bald ins Düstere kippt ("If this is heaven / I don’t know what it’s for") und sich mit einem Musikvideo von Anton Corbijn in zwischen Film noir und IG Kunst gehaltene Bilder übersetzt. Unter dem Glitzer der Discokugel in der finsteren Nacht und mit Spiegelbruchstücken nicht nur zwecks Reflexion der Reflexion geht es inhaltlich wohl auch um eine Frage, die im 2.0-Zeitalter nüchtern zu stellen ist: "We’re still connected / But are we even friends?" - so gelesen würde die Band an die Wahrhaftigkeits- und Entschleunigungs-Sehnsucht anknüpfen, die sie mit "We Used To Wait" erstmals vor drei Jahren formulierte.

Dass ein zweites und sogenanntes interaktives Musikvideo zum Song den einsam vor dem Laptop sitzenden Hörer über die Webcam selbst zum Protagonisten werden und ihn in Spiegelumrahmung aus dem Rechner blicken lässt - das bin doch ich! - ist vor diesem Hintergrund nur konsequent. Endlich hat die NSA auch ein Gesicht zu unseren ganz vielen Daten, während sich die Band zumindest zeitweise hinter Pappmaché-Masken verschanzen darf.

Sehr schön ist übrigens auch der kurze und von den flächigen Synthesizern seiner Berlin-Ära eingeläutete Gesangs-Cameo von David Bowie geworden, dessen Comeback-Jahr 2013 hier noch einmal an Schub gewinnt. Das - wie die Single - "Reflektor" betitelte vierte Studioalbum von Arcade Fire wird hierzulande am 25. Oktober erscheinen. Man darf gespannt sein.