Rollt nicht nur das R: Till Lindemann. - © P. R. Brown
Rollt nicht nur das R: Till Lindemann. - © P. R. Brown

"Die Sonnenblume ist verdurstet/am Fenster stirbt sie da im Stehen/sie weint ihr letztes Gelb ins Zimmer/es ist gar traurig anzusehen." Was hier so freundlich nach den ersten Takten eines Lieds von Reinhard Mey klingt, ist davon weit entfernt. Es ist die erste Strophe des Gedichts "Angst" von Till Lindemann. Till Lindemann, das ist der Sänger und Texter der Band Rammstein. Angst und Rammstein, ja das passt doch zusammen. Auf allerlei Ebenen. So geht das Gedicht weiter: "Angstvoll wende ich mich ab/Alt vertrocknet und vergessen/wird mir das gleiche Leid geschehen/so schnell vorbei die ganze Pracht/war gestern noch so wunderschön".

Für Rammstein-Verhältnisse ist das nun eine ausgesprochen zurückhaltende Beschreibung von Angst. Um im Popkulturkosmos zu bleiben: Man hört hier schlechterdings Homer Simpson "Boooring!" rufen. Dazu muss man vielleicht ein bisschen mehr über Rammstein wissen. Die Band gehört zum Genre mit dem durchaus sprechenden Titel "neue deutsche Härte", ihre Themen sind menschliche Abgründe, ihre Bühnenshows protzen mit Pyromanie. Man kann sich das ein bisschen wie Musik gewordene Gottfried-Helnwein-Bilder vorstellen.

Deutsch belesen


Das machte Rammstein im Stechschritt zur mit Abstand erfolgreichsten deutschen Band. In den USA stört man sich nicht einmal an den deutschen Texten. Nun hat also Till Lindemann einen Gedichtband veröffentlicht. Das ist für einen Menschen aus der Popwelt gar nicht so unwahrscheinlich. Wenn er Bob Dylan heißt. Aber vom Mann mit dem rollendsten R nach Heino kommt das doch überraschend. Zumal beteuert wird, dass es sich nicht um Weiterverwertung von ungebrauchten Liedtexten handelt.

Genug der Klischees. Dass Till Lindemann ein belesener Mann ist, merkt man sogar Rammstein-Texten an. Gut, dass sich ein "Erlkönig" für eine laut-feurige Grusel-Adaption eignet, das liegt auf der Hand. Aber Lindemann ist auch familiär lyrisch vorbelastet. Sein Vater war der DDR-Dichter Werner Lindemann, dessen Bücher waren in DDR-Schulen Unterrichtsstoff. Schon mit neun hat der Sohn dann solches gedichtet: "Er knackt ganz einfach/jede Nuss/Und die nicht will/muss".

Besser liederlich


Davon sind nun die Stücke im Lyrikband "In stillen Nächten" - es ist im Übrigen bereits Lindemanns zweiter - gar nicht so weit entfernt. Da gibt es Liebesgedichte wie "Ich liebe dich": "Wie kommst du nur im Traum darauf/dass ich dir sage/woran ich kaum zu denken wage". Da gibt es eine "Elegie Für Marie Antoinette", in der sich der Sprecher in schönster Slasherporno-Tradition vorstellt, was mit dem kopflosen Hals der Königin anzustellen wäre. Schlusssatz "Besser liederlich als wieder nicht". Da gibt es eine astreine Ballade über "Wenn Mutti spät zur Arbeit geht" - Mutti arbeitet im Nebenzimmer mit und an ihren Gästen. Manchmal lehnt er sich ganz ungeniert an Eichendorff oder Brentano an. Und natürlich geht es auch diskussionslos albern wie im Gedicht "Wichtig": "Dreimal täglich soll man essen/Post und pinkeln nicht vergessen/Weihnachten Pakete schicken/Einmal in der Woche ficken."

Das zeigt aber auch, was dieser Lyrikband von Till Lindemann fraglos ist: ziemlich unterhaltsam. Nicht alle Kritiker sehen das freilich so. Im "Spiegel" diagnostizierte man "Konzeptkunst nach RTL2-Art" und fragte, ob das Ganze nicht ein böser Scherz sei.

Sei’s drum. Lindemanns Lieblingsgedicht ist übrigens "Unruhige Nacht" von Conrad Ferdinand Meyer. Und sein Vater, meint er im Interview mit der "Welt", wäre wohl stolz auf seine Gedichte. Obwohl der Senior wohl auf das ein oder andere "Ficken" verzichtet hätte. Übrigens hat es auch Lindemann Junior schon in den Lehrstoff geschafft: In Skandinavien und in Russland werden Rammstein-Texte im Deutschunterricht verwendet.