Künstlichkeit und Gefühl: Kwes, Romantiker zwischen Elektronik und R ’n’ B. - © Stephanie Sian Smith
Künstlichkeit und Gefühl: Kwes, Romantiker zwischen Elektronik und R ’n’ B. - © Stephanie Sian Smith

Zweifelsohne ist dieser junge Mann romantisch veranlagt. Nehmen wir zwei Schlüsselsongs seines soeben veröffentlichten Debütalbums "ilp." als Beispiel, mit denen der aus London gebürtige Produzent, Sänger und Songwriter Kwes seine Kunst gewinnend ausdefiniert. "Rollerblades" etwa kommt als Erinnerung an einen Herbsttag im Jahre Schnee daher, an dem eine ausgesprochene Einladung das kindlich unschuldige Herz des Protagonisten erstmals höher schlagen lässt: "Come rollerblade with me" - kleine Worte mit hörbar großer Wirkung, die als Nachhall bis heute durch den Kopf unseres Helden geistern.

"36" wiederum gestaltet sich als bisher stringentester Song des 1987 geborenen Musikers noch eindringlicher. Immerhin huldigt Kwes hier der Liebe seiner Großeltern zueinander, um mit sanftem Raunen selbst ins Schwärmen zu geraten: "Oh, I love you both . . ."

Zärtliche Künstlerseele


Bestätigt wird der Eindruck einer zärtlichen Künstlerseele auch in Interviews. Hier erzählt Kwes einfühlsam etwa über die Diagnose "Demenz", mit der sein Großvater aktuell zurechtkommen muss. Und er klärt uns darüber auf, dass für die Aufnahmen von "ilp." (Warp/Rough Trade) auch ein besonderes Keyboard Verwendung fand. Es geht um jenes Geschenk seiner Oma, das Kwes im Alter von fünf Jahren auch gleich den ersten Grundstein für sein späteres Schaffen legte.

Nach entsprechend frühen Soundbasteleien im Eigenheim kam die eigentliche Karriere des Autodidakten schnell in die Gänge. Kwes remixte für Hot Chip oder Bomb The Bass und war als Soundschmied für Dels und Speech Debelle engagiert, ehe sich über seinen baldigen Mentor Damon Albarn (Blur, Gorillaz) eine Zusammenarbeit mit US-Soullegende Bobby Womack ergab, mit dem Kwes als Keyboarder auf der Bühne stand. Von alledem profitiert nun auch "ilp.", das nicht nur von erstaunlichen Produktionsfertigkeiten kündet, sondern unbestritten auch von einer Begabung als Songwriter.

Dabei legt der eingängige Beginn falsche Fährten. Anders als Songs wie eben "36" nahelegen, lässt Kwes bevorzugt aus dem
R-’n’-B-Reich stammende Strukturen bald nur mehr als Überreste aus einem unruhigen Soundgemisch ragen. Verwaschene, mit viel Hall belegte Klänge treffen auf bevorzugt ausfransende und mit starken Brüchen versehene Songs. Traumsequenzen, psychedelische Interludes, Geräuschlawinen aus Rückwärtsloops und gespensternde Reverb-Gesänge sind die Grundmauern, auf denen Kwes eine doch recht eigenständige Kunst errichtet, die von ihm selbst als "kontrolliertes Chaos" umschrieben wird. Abgerundet mit süßlichen Glöckchenmelodien, die den betont schlau angelegten Songs mehr Wärme verleihen, trifft dabei wohltuend immer auch das Herz auf den Kopf. Weitere Nuancen werden mit dem erschöpft-desperaten "Broke" offenkundig, das Obdachlosigkeit oder eine Art emotionalen Bankrott verhandelt. Allein die etwas bemüht experimentellen Soundforschungen von "Chagall" und "Parakeet" können im Anschluss qualitativ nicht mit dem Rest des Albums mithalten.

Dass der auf den Namen Kwesi Sey getaufte Musiker übrigens synästhetisch veranlagt ist und einzelne Akkorde ihm solchermaßen als Farbtöne erscheinen, mag die aus den Boxen zischelnden und wischenden Songs zusätzlich prägen. Sicher ist, dass Kwes am Jahresende in den Bestenlisten auftauchen wird - die letztlich enttäuschende "BBC Sound Of 2013"-Prognose etwa lässt in der Kategorie "Newcomer" noch durchaus Luft nach oben.