Da biegen sich die Bogenhaare noch in der Luft: Lee in Aktion im Welser Schlachthof. - Foto: © J. Kerviel
Da biegen sich die Bogenhaare noch in der Luft: Lee in Aktion im Welser Schlachthof. - Foto: © J. Kerviel

Wenn einmal viele Haare eines Cellobogens durch die Luft wirbeln, Schwaden von Kolophonium aufsteigen und sich die Kopfhaare der Musikerin um die Wirbeln des Cellos wickeln, dann handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Auftritt von Okkyung Lee. Die 38-jährige Südkoreanerin ist bekannt dafür, die klanglichen Möglichkeiten ihres Cellos bis ins Extreme auszuloten. Von Konventionen befreit, verlässt sie vorgefertigte musikalische Pfade. Am Wochenende war sie in Wels beim Festival "music unlimited" als Künstlerin und Kuratorin zugleich zu Gast.

Violoncello hatte Lee bereits als Kind gelernt, in den USA studierte sie Filmmusik, Improvisation und Komposition, seit 2000 lebt sie in New York. Dass sie an der Musik an sich interessiert ist, an den Geräuschen und am Lärm und dass sie mit Noten nichts am Hut hat, das zeigte sich an der Auswahl ihrer mehr als 30 Gäste, die sie nach Wels eingeladen hatte. Und dass sie selbst ihrem Instrument vom ersten bis zum letzten Bogenstrich außergewöhnliche Klänge und Töne entlockt, das zeigte sie sowohl bei ihrem Auftritt zusammen mit der Sängerin Lindha Kallerdahl und Schlagzeuger Paul Lovens im Alten Schlachthof als auch bei ihrem Solo-Stück in der Minoritenkirche am Welser Stadtplatz.

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Dort fegte sie mit dem Spitz ihres Cellos über die Fließen des Kirchenbodens und ließ deren Fugen den Rhythmus generieren. Mal mit dem Bogen auf das Instrument einschlagend, mal auf den Saiten kratzend entlockte sie dem Cello die vielfältigsten Töne; mit geschlossenen Augen ließ sie ihre Finger auf den Saiten auf und ab und hin und her flitzen und saxophonähnliche, zwitschernde Klänge kreieren.

Die Schweizer Sängerin Dorothea Schürch mit singender Säge (am Boden) und einem kleinen Megaphon. - Foto: © J. Kerviel
Die Schweizer Sängerin Dorothea Schürch mit singender Säge (am Boden) und einem kleinen Megaphon. - Foto: © J. Kerviel

Ihre intensive Darbietung machte die Musik auch zu dem, was sie ist: Am Ende entschwand Lee nämlich hinter ein großes Bild aus den Blick, während sie weiter spielte: live-Musik ohne sichtbare Erzeugerin, reduziert auf ihre Substanz, auf ihre Geräusche und den Hall.

Wenn der Atem musiziert

Lee ist es auch zu verdanken, dass einen Tag später der französische Perkussionist Lê Quan Ninh die Akustik ebendieses Hauses für seine unvergessliche Performance nutzen durfte. Faszinierende Töne, Rhythmen und Klänge generierte er mit über die große Trommel gezogenen Becken, Steinen, Hölzern oder Baumzapfen - manchmal auch mit bloßem Atem. Lê Quan Ninh hinterließ wie bereits am Vortag Lee die Besucher und BesucherInnen verzückt, begeistert und beeindruckt zurück.

Diese beiden Konzerte am Nachmittag – so ganz nebenbei bei freiem Eintritt – zählten zu den unvergesslichen Momenten des Festivals, welches heuer vor allem das Ephemere als wesentlichen Teil der Programmatik erkennen ließ. Auch wenn das Festival keine Genre-Grenzen zieht, verbindet die freie Improvisation wie ein roter Faden die einzelnen Programmpunkte – und damit verbunden ist auch die Einzigartigkeit der Aufführungen: Wiederholungen sind ausgeschlossen, es dominieren singuläre Momente, vergängliche Musiken – auch vor dem Hintergrund der Kombination von Musikern, die Lee nach Wels geladen hatte.

Viele von ihnen spielten in Wels das erste Mal zusammen, wie das junge Trio Corsano/Motland/Yeh, das mit seinem Genremix aus Jazz (vor allem durch Schlagzeuger Chris Corsano), Rock (durch die Stimme von Stine Janvin Motland) sowie Klassik (durch das zum Teil mit zwei Bögen vollzogene  Violinspiel von C Spencer Yeh) und dem intensiven wie radikalen Spiel- und Singweise eine Performance an den Tag legte, die selbst viele der Free-Jazz-Fans, die das Festival schon seit vielen Jahren besuchen und um ein geschätztes Vierteljahrhundert älter sind als die drei auf der Bühne, in Staunen versetzte und zu überraschen vermochte.

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Wie das Trio zeigten aber auch viele der anderen geladenen Künstler und Künstlerinnen zum Teil außergewöhnliche Techniken der Soundproduktion. Da wäre zum Beispiel das Quartett mit Schlagzeuger Roger Turner, der sein Schlägelrepertoire um diverse Zusätze wie Spachtel, Kette und Kontrabassbogen, Holzbrett und Stöcke erweiterte, mit Achim Kaufmann am Flügel, dessen Seiten unter anderem mit Papier bespielt werden, oder durch Klopfen und Zupfen ebendieser unter anderem hackbrettähnliche Töne erzeugten.

Der Trompeter Axel Dörner und der Saxophonist Urs Leimgruber entlocken ihren Blasinstrumenten wiederum Töne jenseits der Notation, zurückgebracht auf die Natur der Instrumente. Und wie verzerrter Sauerstoff  aus den Röhren klingt, das bekam man in vielen Variationen zu hören. Leise sanfte Töne gehörten ebenso zum Festival-Auftakt mit diesem Quartett wie dissonante Klangkaskaden.

Ach ja, Kim Gordon, ehemals Sängerin der US-Noise-Band Sonic Youth, war am Eröffnungsabend ebenfalls zu Gast, gemeinsam mit dem Gitarristen Bill Nace präsentierte sie das aktuelle Album von Body/Head, am Schlagzeug begleitete Ikue Mori die auf Stil bedachte Gitarren-Noise-Aufführung.

Sein Kollege mit zusätzlicher Akrobatik. - Foto: © J. Kerviel
Sein Kollege mit zusätzlicher Akrobatik. - Foto: © J. Kerviel

Lees Herkunft verdankt das Publikum auch das Abschlusskonzert am Sonntag. So ist auf ihre Initiative der Besuch des koreanischen Deoneum-Ensembles zurückzuführen, das ihre besonderen perkussive Spieltechnik - nach Wels brachte und an dem Abend gleich zweimal mit dem Saxophonisten Evan Parker improvisierte. Viele Festival-Besucher und Besucherinnen hielt nun nichts mehr in den Sesseln.

Ein unvergesslicher Abschluss für die 27. Ausgabe dieses gut besuchten und organisierten sowie für den Besucher/die Besucherin stressfreien Festivals, das all denjenigen empfohlen sei, die an Musik jenseits bekannter Hör- und Klanggewohnheiten interessiert sind. Was das Festival außerdem besonders sympathisch macht ist, dass es eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik auf unprätentiöse Art und Weise ermöglicht.

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Wissen: Hinter der Organisation des Festivals "music unlimited" steckt der Welser Kulturverein "waschaecht", Musiker wie Otomo Yoshihide oder Peter Brötzmann kuratierten in der Vergangenheit das Festival, heuer war die südkoreanische Cellistin und Komponistin Okkyung Lee an der Reihe.

Link: musicunlimited.at