Trotz und Renitenz: Die Nerven beehren das Rhiz. - © Oliver Wolff
Trotz und Renitenz: Die Nerven beehren das Rhiz. - © Oliver Wolff

Für gewisse Musik ist ein gewisses Alter von Vorteil. Zwar kann man auch als ergrauter Alt-Punk noch ein lautes und dringliches "Nein!" gegen die Welt ins Mikrofon brüllen, um damit nichts weniger als das System in Frage oder am besten gleich an die Wand zu stellen. Allerdings steigt von Jahr zu Jahr natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die zentralen Diskussionen im Leben bald auf die Textilbeschaffenheit beim Bettwäschekauf oder die Teesortenwahl vor dem Schlafengehen verlagern.

Die Nerven aus Stuttgart sind von diesem und ähnlichem Spießbürgertum Lichtjahre entfernt. Im Zweifelsfall reicht dem Trio eine Schaumstoffmatratze am Boden und eine Palette Dosenbier als Nachtkastl aus. Was will man mehr vom Leben erwarten? Gut, Zigaretten wären nicht schlecht, solange sie billig sind. Welche Zigaretten sind heute billig? Wir sehen schon, es geht ziemlich schnell, dem Lager der Teetrinker anheimzufallen und vom Jugend-Verschwenden draußen in der nächtlichen Stadt nur mehr relativ wenig Ahnung zu haben.

Gegen den Strich


Mit ihrem offiziell zweiten Album, das unter dem höchstens ironisch zu lesenden Titel "Fun" (This Charming Man Records) soeben veröffentlicht wurde, entlässt die Band ihre Kernkompetenzen nun erstmals auch in CD-Form in die Welt: Es geht einerseits um Kaputtheit und Resignation, Langeweile und schlechte Aussichten in einer noch schlechteren Zeit. Andererseits signalisiert die in aller Schwere hochenergetische Begleitmusik, dass man sich von alledem nicht über Gebühr beeindrucken lässt - und es mit dem Kopf keineswegs gegen, sondern schlicht durch die Wand gehen soll. Trotz und Renitenz, die Eckpfeiler jeder rechtschaffenen Jugend!

Skandierte Gesänge, Bässe, die wuchtig pumpen und emsig rotieren, hart gesetzte Krawallgitarren und scheppernde Drums stehen ebenso auf dem Programm wie harmonische Leerstellen und in Richtung Tinnitus pfeifende Feedbacks. Dazwischen wird über nachdrückliche Akkordwechsel aber auch für sonische Schönheit in dunkler Schattierung gesorgt. In den aufbegehrend-trotzigen Momenten darf dazu gebrüllt, in ernüchterten Stunden hingegen ein entrückter Sprechgesang kultiviert werden - was vor allem auch live für ein gewisses Mehr an Unberechenbarkeit sorgen könnte.

Eine ästhetische Nähe zu deutschen (Post-)Punk-Bands der frühen 80er Jahre ist nicht von der Hand zu weisen. Die bei Generationen einer an der Welt leidenden Hörerschaft beliebten Joy Division werden mit dem Beginn von "Blaue Flecken" wiederum nur an einer Stelle explizit als Einfluss offenkundig. Die Produktion selbst unterstützt den verschwitzten Do-It-Yourself-Charme mit grober Kellerästhetik.

Am Sonntag gastieren Die Nerven im Wiener Rhiz. Der Titel eines karg-metallischen und letztlich in ein Donnerwetter führenden Abriss-Walzers, der sich unter den zehn Songs des neuen Albums befindet, gilt für das Konzert im Übrigen nicht: "Ich erwarte nichts mehr" - der erfrischend gegen den Strich gebürsteten Musik wegen ist das absolute Gegenteil richtig.