Wien. Beim Jazz Fest Wien ist öfters mal hinterfragt worden, was diverse seiner Protagonisten denn mit Jazz zu tun hätten. Aber hat sich von wegen Tabubruch eigentlich je irgendein wackerer Betonschädel gefunden, der sich darüber aufgeregt hätte, dass das Festival seit den frühen 90er Jahren die Wiener Staatsoper bespielt?
Frage eins ist bei den Pet Shop Boys so klar hinfällig wie noch bei überhaupt keinen Jazz-Fest-Protagonisten all die Jahre über. Insofern ist es schon fast komisch: Ihre minimalistische, durchkalkulierte, streng ökonomische Musik ist ziemlich die perfekte Antithese zum Jazz und seinen Wesensmerkmalen Improvisation und Virtuosität.

Im Prinzip machen die Pet Shop Boys Großraum-Disco. Es gab in ihrer Karriere eine Phase – es war um die Jahrtausendwende und die frühen Nuller-Jahre – da haben sie versucht, Ihr Klangbild vielfältiger und organischer zu gestalten. Da das bestenfalls Teilerfolge zeitigte, sind sie zu dem Format zurückgekehrt, mit dem sie Mitte der 80er Jahre angefangen haben: Elektronik + Stimme.  Ihr letztes, recht gelungenes Album "Electric" trägt diese back-to-the-basics-Haltung sogar im Titel vor sich her.

In diesem ihrem Habitat haben die Pet Shop Boys kaum Feinde: Weder das Publikum, das ihre Platten immer noch massenhaft kauft und sie solchermaßen zum angeblich erfolgreichsten britischen Pop-Duo aller Zeiten macht, noch die Kritiker, die die Wendigkeit der Musik und den gewissen intellektuellen Appeal schätzen, der die zumeist durchaus trivial um den Themenbereich Liebeslust- und -leid kreiselnden Texte infiltriert. Welche Hit-Band leistet sich einen Titel wie "Love Is A Bourgeouis Construct?

Während man also für die Berechtigung der Pet Shop Boys beim Jazzfest besser keine puristischen Maßstäbe anlegt, passen sie allerdings so gut in die Oper wie kaum ein anderer Act aus dem populären Fach. Entsprechen doch ihre aufwendig, exklusiv & teuer und dabei immer stilsicher inszenierten Shows dem, was Oper transportieren soll: Musik-Theater. Nicht einmal ein kurzer Stromausfall konnte dieser perfekten Symbiose zwischen Aufführung und Spielort etwas anhaben.

Zu dem multimedialen Spektakel, das die beiden Protagonisten Neil Tennant am Mikro und Chris Lowe an den Keyboards in genauem Gegensatz zu herkömmlichen Rock-Shows nicht aufbläst, sondern einer dramaturgisch durchdachten Choreografie einverleibt, gehören eine phantastische Laser-Show, teilweise sehr lustige Film- und Diaprojektionen, viel Trockeneisnebel und am Ende ein ordentlicher Konfettiregen. Zwei (zumeist) gehörnte Tänzer sorgten zusätzlich für Gewurl auf der Bühne. Und viele Male wechselten Tennant und Lowe die Kostüme, um sich abwechselnd borstig wie eine Klobürste, im gepflegten Anzug, ebenfalls gehörnt oder als Discokugeln zu präsentieren.

Das Repertoire konzentrierte sich auf "Electric", ließ aber auch keinen der großen, durchwegs begeistert akklamierten Hits aus: "West End Girls", Suburbia, "It´s a Sin", "Domino Dancing", Rent", "Opportunities. Das Live-Spiel präsentierten sich frisch und druckvoll, offenbarte allerdings in den melodisch weniger überzeugenden Songs doch auch gewisse Grenzen dieser Musik: Mit dem Groove allein ist da kein Hofstaat zu machen; Tennant & Lowe leben von der Raffinesse ihres Songwritings. Der Höhepunkt des Repertoires kam bereits bei Song Nummer 3: Das bereits erwähnte "Love Is A Bourgeois Concept aus "Electric", das auf ein Motiv von Michael Nyman zurückgreift, der sich seinerseits dafür bei Henry Purcell bedient…

5 Sterne