Auch in der Hitparade vertreten: Philipp Nykrin. - © Dostal
Auch in der Hitparade vertreten: Philipp Nykrin. - © Dostal

Wien. "Ich freue mich, einmal wieder zum Klavierspielen zu kommen", sagt Philipp Nykrin. Erstens passiere das nicht mehr allzu oft. Zweitens ist der Anlass ein würdiger: Am Freitag nächster Woche wird Nykrin das Hauptbühnenprogramm des renommierten Jazzfestivals Saalfelden eröffnen.

Eingerostet sind seine Finger freilich nicht: Der Salzburger, Jahrgang 1984, hat in den Vorjahren nur einen Wandel durchgemacht. Auf seinem Debütalbum noch sublim Beat-affin ("Open-Ended", 2007), zog es ihn vom Klavierholz immer mehr zu den Gerätschaften des Hip-Hop und der Elektronik - kurz: zu den Synthesizern. Darauf arbeitet er heute etwa als komponierender Produzent der (erfrischend geistreichen) Münchner Rapperin Fiva oder als Sideman erfolgreicher Acts wie Mono & Nikitaman. Jobs, die eine für Jazzer nachgerade frappierende Breitenwirkung zeitigen: Fivas Album "Alles leuchtet", jüngst auch beim Frequency-Festival vorgestellt, rangierte heuer in den heimischen Top Ten; mit Mono & Nikitaman will Nykrin einmal vor rund 15.000 Menschen gespielt haben.

"Ausgeflippt" am Popfest


Seine Jazzwurzeln hat er darüber nicht vergessen. Man spürt sie ein wenig unter den griffigen Beats von Fiva, vor allem aber in Nykrins Stammband, die den neckischen Namen Namby Pamby Boy trägt. Es ist nicht nur Koketterie, dass sie sich als "erste Indie-Band mit Bildungsauftrag" bezeichnet. Während sich der Rockanspruch durch satte Grooves vermittelt, teilt sich der Bildungsauftrag jazzig mit: In diesem Trio fehlt nicht nur ein Bassist (eingespart durch Nykrins linke Hand), sondern auch ein Sänger. Die Melodien, die stattdessen aus dem Saxofon purzeln, sind oft ein recht unübersichtliches Zickzack. In Summe "eine ziemlich ausgeflippte Musik", sagt Nykrin. Es hat ihn umso mehr gefreut, damit heuer das Popfest Wien beschallen zu dürfen. Kann das denn ohne Gemüsebewurf enden? Viel besser sogar: "Ungefähr fünf Minuten haben die Leute geredet, dann waren sie aber dabei. Manche haben sogar getanzt." Eine Freude vor allem: Es sei das erste Mal gewesen, dass das Grundkonzept - rockige Live-Umstände befeuern Jazz - so ganz aufgegangen ist.

Diesem Konzept räumt Nykrin überhaupt gute Chancen ein. Wobei: Hat sich der Jazz in den letzten Jahrzehnten nicht immer mehr zu einer Konzertsaalmusik entwickelt? Nykrin bestreitet es nicht, denkt auch, dass es diese Darreichungsform weiterhin geben würde. Der Salzburger mit der Baseballkappe glaubt aber auch an die Wiederkehr des Konträren - an jene Live-Ereignisse, bei denen "viele Menschen gemeinsam eine Energie erzeugen, sodass das Ganze einen Popcharakter kriegt".

Hauptsache Offenheit


Zwischenfrage: Fühlt sich Nykrin eigentlich noch als Jazzer oder doch Pop-Mann? "Ich bin ein improvisierender Musiker. Ich bevorzuge es, wenn Stücke nicht total durchstrukturiert sind. Aber was das für Musik ist - ob Jazz, Pop, Elektronisches oder Hip-Hop -, da bin ich ziemlich offen."

Mit diesem Credo ist er in Saalfelden an der richtigen Adresse: Das Salzburger Festival lugt, bei aller Avanciertheit und einem notorischen Hang zum Free Jazz, seit Jahren neugierig über Genregrenzen. Was Nykrin, 2013 schon mit seinem Projekt "Crème Proleau" dabei, heuer zum Auftakt serviert? Eine Weltpremiere namens "Wire Resistance", für die er vier bewährte Partner (wie den Trompeter Mario Rom) auf die Bühne bittet: "An sich ist es ein klassisches Jazzquintett, wird aber um elektronische Elemente erweitert." Mit Groove-Aufkommen dürfte zu rechnen sein.