Es ist eindeutig gut, wenn man "nichts mehr versteht". Denn dann fühlt man, "wie ein Tag beginnt, der für jeden, der ein bisschen spinnt, ein Versprechen auf etwas Großes in sich birgt". So eine lyrische Handschrift hat nur einer: Sven Regener.

Seine Band Element Of Crime bringt soeben ihr bereits 13. Album heraus. Es heißt "Lieblingsfarben und Tiere", birgt außer dem Versprechen auf Großes auch den Verdacht, beim Titel des Longplayers sei vor "Tiere" ein Bindestrich vergessen worden und ist gar nicht so leicht zu erschließen.

Das Versprechen auf Großes wird eingehalten, aber die Platte hat es nicht eilig, das hervorzukehren. Aufs allererste Anhören wirkt sie sogar ein wenig fad. Dieser Eindruck verflüchtigt sich zwar genauso schnell wie 2005 beim Album "Mittelpunkt der Welt". Was aber noch länger anhält, ist ein irritierender und irgendwie auch leicht beängstigender Anhauch von Verlebtheit.

Die Weigerung, die Musik mit wie auch immer gearteten signifikanten Neuerungen zu infiltrieren und unbeirrt den seit Jahrzehnten bewährten Mix aus Pop, Rock und Chanson mit sporadischen Einflüssen von Country und Blue Notes zu spielen, kommt hier weniger als Beharrlichkeit denn als gleichermaßen resigna-tive wie sogar leicht verächtliche Gleichgültigkeit gegenüber Aufregungen wie "zeitgemäßer Relevanz" und dergleichen daher. Und weil Sven Regeners Stimme seit dem Vorgängeralbum "Immer da wo du bist bin ich nie" von 2009 einen weiteren kleinen, aber doch merklichen Alterungsprozess durchgemacht hat, bekommt die Gelassenheit - Regeners herausragendes Feature als Sänger und Erzähler - schnell eine Aura von Müdigkeit und Vergänglichkeit.

Vergänglichkeit aber möchte man nun am allerwenigsten durch Element Of Crime erfahren: Diese Band, die wir nach vier recht skurrilen Alben auf Englisch seit "Damals hinterm Mond" von 1991 beständig haben wachsen gesehen (und gehört), gehört zum Inventar unserer Biografien - und wie jedes Inventar soll es gegen alle physikalischen Gesetze über Jahre hinweg tunlichst frisch und unbeschädigt bleiben.

Fünf Jahre sind nun also seit dem letzten Album vergangen. In dieser Zeit hat Regener seinen vierten (und bisher besten) Roman, "Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt", ein Spin-off seiner "Herr Lehmann"-Trilogie, fertiggestellt und veröffentlicht. Mit Leander Haußmann, der bereits "Herr Lehmann" filmisch adaptierte, schrieb und inszenierte er die Film-Satire "Hai-Alarm am Müggelsee", für die er auch den Soundtrack beisteuerte.

Regener wird als Autor vom Feuilleton respektiert und ist obendrein sehr erfolgreich - in Stückzahlen setzt er von seinen Büchern noch mehr ab als von den mit Element Of Crime eingespielten Platten. Er müsste sich die Band also gewiss "nicht mehr antun". Und doch erklärte er der "Wiener Zeitung" im Vorjahr, dass er sich noch immer vorrangig als Musiker sehe. Wenn er und seine Kollegen mit dem neuen Opus nicht sofort zünden, hat das jedenfalls nichts mit Defiziten an Hingabe und Leidenschaft zu tun. Vielmehr mit dem Luxus, "nichts mehr beweisen zu müssen" - also doch auch mit Gelassenheit.

"Lieblingsfarben und Tiere" verzichtet auf jegliche Instant-Hits und leistet sich die Anmaßung, Erlebniszeit zu fordern. Eine interaktive Platte also in dem Sinne, als sie erst mit der tätigen Zuwendung des Hörers ihre Stärken offenbart: Ihre formale Geschlossenheit bei besonderer stilistischer Vielfalt und etwa auch das sichere Zusammenspiel von Melodien und Stimmungen - oder die sehr ordentliche Dynamik, die noch mehr als schon bisher auf den primären Träger des EOC-Sounds, nämlich Jakob Iljas Gitarre, baut.

Tatsächlich ist "Lieblingsfarben und Tiere" eine kraftvolle Platte geworden. Songs wie "Immer so weiter" oder "Schade, dass ich das nicht war" zeugen von der Freude, ordentlich auf den Putz zu hauen, während durch die ruhigeren Songs ein Jazz- Hauch weht. Musik, die wie ein Fels in sich ruht. Oder - wie in "Immer so weiter" - "das Haus, das zur Beleidigung aller Statik immer noch steht".

Live treten Element Crime am 21. Februar 2015 im Wiener Gasometer auf.