Er ist wohl einer der größten Grantler der gegenwärtigen Popkultur. Morrissey, früher Sänger der Smiths, heute solo unterwegs, belässt es nicht bei sanften Provokationen in Songs, er teilt auch so gerne aus. Vor allem in Sachen Tierschutz kann der Brite mitunter übers Ziel hinausschießen, etwa als er bei einem Konzert das Massaker von Utøya verharmloste und meinte, das sei nichts gegen Schlachthöfe. Am 24. Oktober kommt Morrissey nun nach Wien ins Konzerthaus. Es war ein turbulentes Jahr für ihn. Ihm wurde von seinem Label Harvest gekündigt, nachdem er die Firma des Betrugs bezichtigt hatte. Er musste einige Konzerte aus gesundheitlichen Gründen absagen, im Oktober sagte er, dass er Krebs hat. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" ist er unverändert angriffig.

"Wiener Zeitung": Ihr Album "World Peace is None of Your Business" hat ein Leitmotiv: den Verlust von Werten. Wie wir mit anderen Menschen umgehen, mit Tieren, mit unserer politischen und sozialen Verantwortung. Das Album wirkt selbst für Sie besonders politisch, warum?

Morrissey: Ich kann mich irren, aber ich bin sicher, dass Hitler den Krieg nicht gewonnen hat, und trotzdem leben wir unter dem Klang der Kampfstiefel, und jedes Land hat seine eigene Version von autoritärer Diktatur. Alles ist angespannt und die Menschen waren nie so unglücklich. Jeder will Veränderung, und diese fanatische Unzufriedenheit hat sich im Arabischen Frühling sehr deutlich manifestiert. Das unterstreicht eine Feindseligkeit, die die meisten Regierungen gegen die Menschen haben, die sie gewählt haben. Es ist Zeit für Reformen auf allen Ebenen, denn wir leben nicht im Jahr 1940, zumindest nicht laut meinem Kalender.

Der Titelsong stellt das Wahlsystem in Frage - was kann meine Stimme verändern, ist alles nur Illusion in einem korrupten System?

In England ist Wählen tatsächlich eine Illusion, denn es gibt nur zwei Parteien und keine davon kann die Menschen zufrieden machen. Und keine von ihnen hört mehr auf die Menschen, sobald die sie gewählt haben. Politiker waren nie so unüberzeugend, und die meisten wirken wie aus einer Comedy. Deswegen wählen nur mehr sehr wenige. Von Politikern wird derzeit so wenig erwartet, dass Geistlosigkeit das neue Antlitz von England ist.

Gehen Sie selbst noch wählen?

Ich habe noch nie gewählt, weil mir meine Stimme zu wertvoll ist. Ich will sie nicht allein dafür verwenden, jemanden loszuwerden und durch einen zu ersetzen, der ein bisschen weniger korrupt ist. Die ganze Macht gehört dem Volk, aber der Karneval der Politik erwähnt das nicht einmal.

Wenn Wählen nicht funktioniert, was ist Ihr Vorschlag?

Es geht ja nicht um den körperlichen Akt, in eine Wahlzelle zu gehen, sondern es geht darum, was zur Wahl steht. Die britischen Medien zum Beispiel werden nie erlauben, dass eine dritte Partei stark wird. Und wäre es so, würde diese Partei eine Schmutzkampagne treffen, die die anderen beiden Parteien nie treffen würde. Wir haben keine Chance auf Veränderung, und jeder, der sagt: "Ich habe eine bessere Idee", wird ausgelacht und vom Planeten gejagt. Ein einziger Premier oder Präsident reicht heute nicht mehr. Die menschliche Spezies ist zu unterschiedlich, um sich noch länger etwas sagen zu lassen von einem altmodischen, sexistischen, verheirateten, kriegslüsternen Mann.

Andererseits: Wenn man sich ansieht, welche Auswüchse das Fernsehen mit den Wahl-Stimmen der Zuseher in Castingshows und Ähnlichem hervorbringt, ist es wirklich gescheit, diesen Menschen die Geschicke der Welt anzuvertrauen?

Ja, denn man darf die menschliche Spezies nicht nach dem beurteilen, was im Fernsehen läuft. Die jungen Bewerber bei peinlichen, entmenschlichten Talentshows sind nicht so, wie junge Menschen heute sind. Fernsehen produziert Fiktion und ist dazu da, uns vergessen zu lassen und unseren Horizont kleinzuhalten. Fernsehen geht rückwärts, während alles andere vorwärts geht.

Nun ist das Vorwärtsgehen auch nicht immer leicht, oft hindern liebgewonnene Traditionen daran...

Sklaverei war einmal Tradition und öffentliche Hinrichtungen, Rassentrennung, organisierte Folter, Kinderarbeit und Bärenhetzjagd. Als die Menschen die Abschaffung dieser barbarischen Vergnügungen gefordert haben, stellten sich die Kirche und die Regierungen gegen die Leute. Genau dasselbe passiert heute. Das Volk muss den Weg weisen, und das passiert auch dort, wo es um die Qualität von Lebensmitteln geht, aber auch beim Bewusstmachen von Themen wie der globalen Erwärmung. Nur weil etwas eine Tradition wird, heißt das nicht, dass es nützlich ist. Man stellt sich seine Regierung immer als zivilisiert vor, aber Regierungen agieren selten gefühlvoll und ideenreich. Alles, was die interessiert, ist Wirtschaftlichkeit. Menschen an der Macht sind nie Poeten. Sollten sie aber sein.

Im Song "The Bullfighter dies" wird der Tod des Stierkämpfers bejubelt, was hervorstreicht, wie brutal es ist, dass normalerweise der Tod des Stiers bejubelt wird. Denken Sie, diese Gleichsetzung von Mensch- und Tierleben verstehen auch Zuhörer, die keine Tierschutzaktivisten sind?