In der Box "Fruit Tree" ist das Gesamtwerk Nick Drakes versammelt.
In der Box "Fruit Tree" ist das Gesamtwerk Nick Drakes versammelt.

Nick Drake wird 1948 in eine gehobene britische Mittelstandsfamilie hineingeboren. Beide Eltern machen Musik und schreiben Lieder, der Vater ist im Brotberuf Ingenieur, die ältere Schwester wird eine bekannte Schauspielerin werden. Kunst und Musik regieren im ganzen Haus.

Drakes Kindheit ist schön, heißt es. Fotos zeigen einen oft lachenden, nur manchmal etwas abwesend wirkenden Buben. Er treibt Sport, er schreibt erste Gedichte. Aber in seinem Inneren ist etwas nicht ganz in Ordnung. Als er 1966 in Cambridge auf die Uni geht, schreibt er an seine Mutter: "Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich glücklich". Er studiert kaum, aber viele Nächte lang hört er Musik, raucht jede Menge Gras und fängt an, eigene Songs zu komponieren.

Umzug nach London


Er tritt bald in Folkclubs auf. Noch kann er das. Ashely Hutchings, der Bassist von Fairport Convention, sieht einen von Drakes Auftritten, erkennt dessen Genie und bringt ihn mit dem Plattenproduzenten Joe Boyd zusammen, der 1968 Nicks Debütalbum "Five Leaves Left" aufnimmt und Größen wie Richard Thompson als Begleitmusiker engagiert. Die Platte floppt.

1969 schmeißt Drake sein Studium endgültig hin und zieht nach London, um Profimusiker zu werden. Doch so sehr andere Musiker ihn loben und seine Songs lieben, so schlecht kommt er beim Publikum an. Seine Lieder haben keine Refrains, seine Gitarre ist auf eine ganz eigentümliche Weise gestimmt; er klingt anders als das, was in den Clubs angesagt ist, anders als alles andere.

Eine Frau erwidert seine Liebe nicht. Seine Stimmung wird immer düsterer, eine Krankheit beginnt. Es ist eine Depression. Bald kann Drake nicht mehr live auftreten - von Lebensunlust und Panikattacken gepeinigt, zieht er sich immer mehr in sich selbst zurück. Joe Boyd macht 1970 trotzdem eine zweite Platte mit ihm, "Bryter Layter". Wieder spielen musikalische Schwerkaliber wie John Cale mit. Es nützt nichts. Radiostationen und Käufer ignorieren das Werk. Nick wird immer frustrierter und depressiver und sucht schließlich einen Psychiater auf, der ihm Tabletten verschreibt. Sie wirken nicht.

1971 lebt Drake fast völlig isoliert in London und hat nur mehr wenige Freunde. Kaum jemand kommt mit dem schwermütigen jungen Mann zurecht. Aber er arbeitet noch, schreibt neue Songs, die er schließlich in nur zwei Tagen aufnimmt. Es ist das Material für seine letzte Platte, "Pink Moon". Seine Plattenfirma veröffentlicht die Scheibe vertragsgemäß, doch sie verkauft noch weniger Exemplare als die beiden Vorgänger.Drake zieht zurück zu seinen Eltern in die Kleinstadt Tanworth-in-Arden. Hin und wieder verlässt er das Haus für Spaziergänge. Er verliert nun auch zu seinen letzten verbliebenen Freunden und Freundinnen, darunter die Folksängerin Linda Thompson, den Kontakt. Die Plattenfirma Island Records stellt ihre wöchentlichen Zahlungen ein.

Suizid oder Unfall?


Wenige Tage vor seinem Tod besucht Drake den Produzenten Joe Boyd und die ganze angestaute Frustration bricht aus ihm hervor. "Warum", fragt er Boyd, "bin ich pleite und muss bei meinen Eltern wohnen, obwohl mir immer alle sagen, wie genial ich doch bin und wie toll meine Songs sind?" Boyd kann nur mit den Schultern zucken. Er ist, wie die gesamte westliche Kultur, nicht in der Lage, mit Depressiven umzugehen. Er weiß nicht, dass Drake sich nicht einfach "zusammenreißen" kann. Am 25. November 1974 stirbt Nick im Schlaf an einer Überdosis des Antidepressivums Elavil. Da er keinen Abschiedsbrief hinterlässt, ist bis heute ungeklärt, ob es Selbstmord oder ein Unfall war.

1979, fünf Jahre nach Drakes Tod, veröffentlicht Island Records wegen der steigenden Popularität des Sängers das Box-Set "Fruit Tree", das auch unveröffentlichtes Material enthält - etwa den Song "Black Eyed Dog", der sehr direkt von Depression handelt. In den 80er und 90er Jahren berufen sich Künstler wie R.E.M., Beck und The Cure auf Drake als großen Einfluss. Der VW-Konzern verwendet den Song "Pink Moon" für eine Werbung. Etliche Tribute-Alben entstehen. In Tanworth-in-Arden spielt man einmal jährlich Drakes Songs in der Kirche. Sein Grabstein verwittert derweil bis zur Unleserlichkeit. Noch im Tod hält die Gesellschaft Abstand zum Künstler, dessen Kunst sie inzwischen so sehr schätzt.