Erhellende Offenbarung: Cover des neuen Albums der US-Band Spoon.
Erhellende Offenbarung: Cover des neuen Albums der US-Band Spoon.

Man muss die Kategorie "Weltmusik" nicht mögen, aber dass unter diesem Etikett hochinteressante musikalische Melangen entstehen, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Dass dabei mehr geboten wird als billiger "Ethnopop" oder "traditionelle außereuropäische Musik", beweist die 1976 in einem Flüchtlingslager in der algerischen Wüste geborene und heute in Barcelona lebende Aziza Brahim.

Ihr zweites Album, "Soutek" (Glitterhouse/Hoanzl), das übersetzt "Deine Stimme" heißt, bietet einen Desert-Blues, der Folkloreelemente der Sahraui, der Bewohner der Westsahara, spanische Flamencogitarren und amerikanische Einflüsse miteinander verbindet. Anders als die Kollegen von Tamikrest oder Tinariwen verzichtet Brahim auf verzerrte Gitarren, was den neun Songs etwas Fragiles und Zartes verleiht. Politisch sind sie gleichwohl, denn in ihnen wird das Schicksal der Nomadenkultur der Sahrauis thematisiert. Welthaltige Musik vom Feinsten!

Andreas Wirthensohn

* * *

Vom ersten Ton an bestimmt ein warmer Hall dieses Album - als hätte sich Mélanie De Biasio auf "No Deal" (PIAS/Rough Trade) in eine schwebende Leere eingewickelt. In die Dunkelheit bricht Licht nur insoweit, als dass es scharfe, von Klavier, analogem Synthesizer, Schlagzeug sowie De Biasios Flöte oder Gesang gezeichnete Konturen wirft. Dabei erschafft die Belgierin Momentaufnahmen: Die Songs sind nur eine mögliche Variation, die sich paradoxerweise aus ihrem Minimalismus ergibt. Live variiert die 36-Jährige ihre Lieder je nach Besetzung. Als Vorbild für den Klang des Albums wird gern Miles Davis herangezogen. Ganz falsch ist diese Assoziation nicht, wird der zweite Streich De Biasios doch von einer Lässigkeit dominiert, die gut in die späten 50er Jahre gepasst hätte. Trotz aller Anspielungen an die Jazzgeschichte lässt sich "No Deal" aber nicht auf ein Genre festlegen: es wird mit Chanson ebenso beherzt kokettiert wie mit Post-Rock-Strukturen. Eine faszinierende akustische Parallelwelt.

Andreas Walker

***

Schwedischer Schwesternpop von Johanna und Klara Söderberg.
Schwedischer Schwesternpop von Johanna und Klara Söderberg.

Im Eilzugstempo haben sich First Aid Kit einen Namen gemacht. Die schwedischen Schwestern Johanna und Klara Söderberg, 24 bzw. 21 Jahre alt, veröffentlichten ihr heuriges neues Album, "Stay Gold" (Sony Music), bereits bei einem Major-Label und haben Auftritte in den wichtigsten US-TV-Shows. Aufgenommen wurde die aktuelle Platte wie ihre letzte ("The Lion’s Roar") in Omaha mit Mike Mogis von Bright Eyes. Und auch diesmal paaren sich Country-Melodien mit Harmoniegesang. Gleich das erste Lied, "My Silver Lining", zeigt, wohin die Reise führt. "I try to keep on keepin‘ on", singen First Aid Kit zu einer Melodie, die der Feder von Lee Hazlewood entsprungen sein könnte. Danach haben die Schwedinnen leichtes Spiel, ganz gleich, ob sie auf Country-, Folk- oder Pop-Pfaden wandeln. Ergeben lauscht man den bitter-süßen Melodien und Geschichten, die von Liebe und Verlust erzählen. Americana made in Sweden.

Francesco Campagner

* * *

Dafür, dass man sich die in Portland, Oregon, ansässige US-Musikerin Liz Harris alias Grouper nicht als künstlerische Frohnatur vorstellen darf, sprachen bereits von grauen Coversujets bestimmte Vorarbeiten mit Titeln wie "Dragging A Dead Deer Up A Hill" oder "The Man Who Died In His Boat" - sowie mit "Creep-show" Kollaborationen mit den gleichfalls nicht auf der Sonnenseite verorteten Kollegen von Xiu Xiu. Das nicht minder programmatisch betitelte neue Album, "Ruins" (Kranky), bestätigte diese Annahme im Herbst. Man hört darauf eine Künstlerin, die sich mit versunken-introspektiven Meditationen am Hallklavier bemüht, das Wörtchen "verhuscht" in seinem Wesenskern zu erfassen.

Zwischen zarten Instrumentalpassagen und dem leichten leisen Säuseln einer todessehnsüchtigen Sirene polt Grouper die Ergebnisse auf entrückte Stimmungslagen und einen beiläufigen Charakter. Der offenkundige Ambient-Bezug wiederum wird nicht nur deutlich, wenn im Hintergrund Donner grollt und Frösche quaken - oder das schwebende Finale soggleich durch einen Tunnel führt, an dessen Ende womöglich kein Licht mehr wartet. Das ist so weitgehend unspektakulär wie dennoch (oder gerade deshalb) fesselnd. Musik für Regentage.

Andreas Rauschal

***

Zu Ostern erschien das neue Album "Golden Heart" (Silent Mode) der Luzerner Multiinstrumentalistin Priska Zemp alias Heidi Happy, die sich in den letzten Jahren durch einfühlsamen Homemade-Folk, witzige Western-Videos und originelle Songs in die Herzen der Schweizer Avantgarde-Szene gespielt hat. Die vierzehn Tracks führen in eine kolorierte Welt, in der Chöre, Rhythmuswechsel und Dynamik den Einheitsbrei der Hitradios kon- trastieren. Der Elektronikeinsatz der Band rund um Keyboarder Ephrem Lüchinger ist heute viel sparsamer als noch zu Karrierebeginn der in Amsterdam ausgebildeten Musikerin. Dennoch erinnern manche Passagen an die frühen Pink Floyd unter Syd Barrett, andere huldigen dem Hammondsound der 60er Jahre oder den L’amour-Fanfaren von Procol Harum. Einen River-Kwai-Marsch neuer Prägung konnte das Wiener Publikum Anfang November im Stadtsaal auskosten, wo Heidi Happy als Support von Clara Luzia auftrat. Eine Prise Roxy Music und Heidis charakteristisches, tief schürfendes Timbre sorgen für spätromantische Gefühle.

Gerhard Strejcek