Bereits heute zu wissen, was morgen kommt, mag seine Vorteile haben. Man ist gewappnet und vorbereitet, kennt den Zug, auf den man aufspringen muss, ebenso wie den Zeitpunkt und den Ort seiner Abfahrt - und man erwirbt sich damit nicht nur den in der Wissensgesellschaft so entscheidenden Vorsprung, sondern auch die für das menschliche Gemüt so wesentliche Sicherheit. Und sei es auch nur jene, mitreden zu können oder es schon immer gewusst zu haben. Sicher ist: Wissen beruhigt.

Nur wenn sich das Heute zunehmend so gestaltet, dass man nicht erst wissen will, wie das Morgen aussehen wird, dann hat man ein Problem. Und man hat vermutlich auch gar kein Wissen, weil sich die Vorahnung von einem Trend ableitet, der aus einem Gefühl entsteht. Und das Gefühl sagt mit fortdauernder Lebenszeit nicht selten, dass alles schon einmal da und vermutlich auch besser war. Strebt man nach Konstanz, Zeitlosigkeit oder zumindest nach einem Ausdruck, der über die nächste Kalenderwoche hinaus gültig ist, ist die moderne Welt recht häufig also eine Welt der Enttäuschung. Und selbst mit offenen Augen und Armen für alles und jeden wird man irgendwann feststellen müssen: Es gibt Wiederholungen. Mode und Pop an der Speerspitze des Trends gelten somit als die Kunst, längst Vorhandenes so umzumodellieren, dass eine Mehrheit es a) als neu betrachtet oder b) zumindest für gut genug befindet, um daran teilhaben zu wollen.

Sieg der Nettigkeit


Hat man sich darauf geeinigt, scheitert die BBC mit ihrem jährlichen "Sound of..."-Poll als Pop-Prognose für die Folgesaison seit Jahren erheblich.

Seit spätestens 2010 wird zwar kein wie auch immer gearteter Zeitgeist ausgelotet und ausnahmslos jeder Sieger vom Plattenmajor Universal Music unter Vertrag genommen, sofern er nicht bereits vor seiner Nennung auf der Longlist - ein Wunder! - bei diesem vorstellig wurde. Allerdings tauchen die Acts am Ende des Jahres nicht mehr in den Best-of-Listen der Kritiker auf. Musikalisch regieren an der Spitze nämlich der Kompromiss, die Beliebig- und, im vergleichsweise besten Fall, die Nettigkeit: Letztere immerhin mit Acts wie Michael Kiwanuka (2012) und Haim (2013). Über die ein wenig egalen Songs von Sam Smith, dem Vorjahressieger, wiederum ist zu sagen, dass sie sich zumindest verkaufen. Für die bevorstehende Grammy-Verleihung ist der Mann folgerichtig in gleich sechs Kategorien nominiert, ohne rosige Kritiken bekommen zu haben.

Traurig tanzen


In seiner von einem Fokus auf UK und insbesondere London geprägten aktuellen Ausgabe - mit dem zu konsensfähigem Eklektizismus neigenden Singer-Songwriter Raury aus Atlanta, Georgia, blickt man nur ein halbes Mal über den Tellerrand - spielt sich die Durchbruchsprognose heuer aber endgültig an den Rand ihrer Daseinsberichtigung. Das im Synthie-Pop der New Romantics wurzelnde und diesen mit angestaubten Clubsounds tanzbar in Richtung Ibiza treibende Trio Years & Years könnte bereits während der Saison schon wieder vergessen sein. Inhaltlich zwischen hormonellem Frühlingserwachen und dem Herzbruch im Anschluss angesiedelt, übersetzt Olly Alexander als Zentrum am Mikrofon den dabei besungenen "Sound of fear" mit inniger (Falsett-)Stimme als traurigen Tanz über den Dancefloor. Cheesy Keyboardflächen werden aufgetragen und mit pulsierenden Synthesizern, eingestreuten The-xx-Gitarren und Schema-F-Dosenbeats zu betont simplen Songs geformt. Bisweilen klingt es schamanisch, gespensternd oder so, als würde man zu nahe an Madonnas "La Isla Bonita" ankern ("King"). Ob es von Alexander klug war, dafür eine bereits auf Schiene gebrachte Schauspielkarriere zu opfern, ist mehr als fraglich.

Die Ergebnisse mögen für sich genommen kein Drama sein, sie sind es aber an dieser Stelle. Wenn der BBC-Poll eine Prognose zulässt, dann jene, dass seine Prognostiker am Ende sind.