Der erste Blumenstrauß wird Mireille Mathieu an diesem Abend bereits nach dem zweiten Lied überreicht. Am Ende werden es 13 Blumensträuße und eine Frankreich-Fahne gewesen sein, die in dieser so typischen interaktiven Dramaturgie auf die Bühne gestreckt werden. Immer bedankt sich Mireille Mathieu mädchenhaft, einmal ruft sie dem Überbringer nach: "Weine nischt, ich singe für disch." Am Sonntag führte Mathieu ihre Tour, mit der sie 50 Jahre Bühnenjubiläum feiert, ins Wiener Konzerthaus. Mit donnerndem Trommelgrollen kündigte sich ihr Auftritt an, irgendwie unpassend für die ewige Mademoiselle, die dann im Scheinwerferkegel etwas steif die Bühne durchschritt. Aber dann sang sie schon kraftvoll: "Und wenn du nicht mehr träumen kannst, dann glaub, wenn du den Mut verloren hast, dann glaub." Und stellte in Sekundenschnelle eine glitzernde Kuppel des Zuspruchs auf, bei der sich das versammelte Publikum nur zu gern unterstellte.

Verführung der Melancholie

Mireille Mathieu ist ein Phänomen. Mit 18 gewinnt die Kuvertkleberin aus Avignon einen Gesangswettbewerb, im Anschluss wird sie als die "neue Piaf" gefeiert und ihr wird auch in Anlehnung an die Piaf der Spitzname "Spatz von Avignon" verpasst. Im Konzerthaus berührt sie mit Piafs "L’hymne de l’amour" und lässt das reichlich schnulzige Orchesterarrangement verzeihen.

Von den 60er bis 80er Jahren verkauft Mathieu Millionen Platten. Ein Schlüssel ihres länderüberspannenden Erfolgs ist sicher, dass sie ihre Alben auch in der jeweiligen Landessprache aufgenommen hat. Und zwar nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Finnisch, Russisch oder Chinesisch - das wird sie auch in diesem Jubelkonzert in Erinnerung rufen. Schon immer wandelte Mathieu wie keine andere am Grat zwischen Schlager und Chanson - wobei ihr viele Franzosen den kommerziellen Schlager übelnahmen. In den letzten Jahrzehnten drohte es ruhiger zu werden um Mathieu. Doch zuletzt erlebte sie eine nur auf den ersten Blick rätselhafte Renaissance: Nicht nur weil Schlager rund um den Megastar Helene Fischer sozusagen "salonfähig" wurde, sondern wohl auch, weil Mathieu mit ihren melancholisch unterfütterten Chansons und ihrer prägnanten Stimme doch ein paar Facetten mehr zu bieten hat. Lady Gaga hat kürzlich gemeint, sie würde gerne einmal mit Mireille Mathieu arbeiten, und der französische Jungstar Ycare hat einen flotten Popsong für Mathieu geschrieben. Den ("Ce n’est rien") hat sie, auffallend gut gelaunt, auch im Konzerthaus gegeben, und dieses Discofieber war die wirklich einzige Situation, in der die legendäre Stirnfransenfrisur der Sängerin ein wenig ins Wackeln kam.

Mathieu beherrscht aber natürlich das ganze outrierende Repertoire der alten Schlagerwelt: Das Sehnsüchtige-in-den-Horizont-Blicken, das Fäuste-an-den-Busen-Drücken, der gequälte Blick beim Tremolo; selbst wenn sie swingend mit den Fingern schnippt, ist das eine große Geste. Es ist ihre ungeheure Bühnenpräsenz, die kurz vergessen lässt, dass so etwas auch ziemlich lächerlich aussehen kann. Es ist aber nicht nur die nostalgische Behaglichkeit, die Mathieus Musik live mit Orchester verführerisch macht. Es ist auch die Illusion des Weltenbummels. Geht es um Paris ("Ganz Paris ist ein Theater"), dann fiept das Akkordeon, wenn wir in den mexikanischen Bergen ("Santa Maria") sind, dann heult die Panflöte, in "Akropolis Adieu" geht es nicht ohne Sirtaki-Zitat-Plimplim, sogar Südseetrommelklänge ("Taratating-Taratatong") sind dabei gewesen. Natürlich ist das Klischee, aber wen kümmert’s. Anfangs stellt sich noch die Frage, ob das so massiv eingestellte Mikrofon Mathieus Stimme wirklich einen Gefallen tut, aber spätestens bei den Zugaben ist klar, warum es so laut sein muss: Da brechen nämlich im Publikum alle Dämme und es wird hemmungslos mitgesungen. Beschwingt, kein bisschen mehr steif, verließ die 68-Jährige die Bühne. In der Hand natürlich: einen Blumenstrauß.