Man erkennt ihn an seinen Schlapfen. Und an seinem Bademantel. Also kein weißer aus Frottee. Pianist Chilly Gonzales ist da mehr in der Hugh-Hefner-Seiden-Schlafrock-Fraktion zuhause. Schlapfen und Bademantel sind das exzentrische Bühnenoutfit von Chilly Gonzales. Warum macht er das? "Natürlich könnte ich auch einen Smoking wie Richard Clayderman anziehen. Aber ich will anders sein. Ich will respektlos sein." Ein bisschen respektlos gegenüber den althergebrachten Darreichungsformen der klassischen Musik.

Wobei: Klassische Musik ist ja nur ein Teil von Gonzales‘ Musik. Der andere ist Popmusik. Gonzales versucht, diese so unvereinbar wirkenden Welten zu verbinden. Auf seinem neuesten Album "Chambers" kombiniert er Kammermusik mit Ambient- und Easy-Listening-Klängen. Dabei begleiten ihn die Streicher vom Kaiser Quartett.

Komponist im Ohr


Warum eignet sich denn Kammermusik für eine Fusion mit Popmusik? "Kammermusik war die Popmusik der klassischen Welt", führt Gonzales aus: "Damals begann es, dass Musik sich für alle öffnete, nicht mehr nur in Kirchen und am Königshof zu hören war. Das war die Ära der ersten Popstars, Liszt, Paganini. Es gibt da Ähnlichkeiten zu heute. Damals, als die Idee der Kammermusik und des Mittelstandes geboren wurde, hatte jede Familie ein Klavier zuhause stehen und jede Menge Noten zum Spielen. Das ist kaum anders als heute, wo jeder einen iTunes-Folder hat, mit dem er sich seine Lieblingsmusik zusammenstellt. Damals war das eine Revolution, die vergleichbar ist mit dem leichten Zugang zu Musik, wie er uns heute etwa durch Spotify-Streaming möglich ist."

Während mancher vielleicht bei Pop nicht von einer intimen Kunstform sprechen würde - immerhin werden damit Stadien gefüllt - sieht Gonzales Parallelen zur Kammermusik: "Natürlich gibt es die Konzerte, aber vorher muss man die Musik doch kennenlernen. Ich bin aufgewachsen mit The Smiths, Frankie Goes To Hollywood und Lionel Richie in meinen Kopfhörern. Ich hatte das Gefühl, dass diese Musiker direkt mit mir sprachen. Ich denke, es war nicht viel anders, damals, als jemand Mendelssohns ,Lieder ohne Worte‘ am Klavier nachgespielt hat. Der hatte dann auch eine sehr persönliche Beziehung zu Mendelssohn."

Gonzales, der als Jason Beck in Kanada geboren wurde, lebt heute in Köln: "Ich mag das Gefühl, hier in Europa mit musikalischer Geschichte verbunden zu sein." Kanada sei dafür ein zu junges Land, aber nichtsdestotrotz ist dort seine Liebe zur Musik entflammt. Und zwar immer schon zu E- und U-Musik gleichzeitig: "Ich hatte Pianostunden bei meinem Großvater und danach habe ich MTV geschaut. Ich konnte mich nie nur für eins entscheiden, für mich war immer die Frage, wie kann ich das kombinieren. Ich sehe Verbindungen zwischen der Vergangenheit und dem Heute: Es entsteht nie etwas ganz Neues, es entsteht immer etwas aus dem schon Da-Gewesenen."

Chilly Gonzales ist aber auch in der reinen Popwelt tätig, mit seiner "Berufsfamilie", den kanadischen Sängerinnen Leslie Feist und Peaches, hat er immer wieder zusammengearbeitet und wird er wieder zusammenarbeiten: "Wenn mich eine von ihnen anruft, lasse ich alles andere fallen."

Keine Puristen-Schlachten


Für die Konzerte von Chilly Gonzales, also auch jenes in der Staatsoper beim Jazzfest Wien heuer, ist ein weiterer Faktor wichtig: Humor. "Das soll den Zuhörern vermitteln, dass sie diesmal nicht überrespektvoll in der Oper dasitzen müssen. Dass Lachen erlaubt ist. Aber bei mir ist Humor immer mit Musik verbunden, ohne Musik ist Humor gar nichts."

Und was sagt Chilly Gonzales Klassikpuristen, die solchen Crossover schrecklich finden? "Ich trage keine Schlachten mit Puristen aus. Jeder soll denken, was er will. Ich denke nur manchmal, wenn sich die Klassik ein wenig mehr öffnen würde, könnte sie auch ein viel größeres Publikum haben." Heute ist Gonzales froh, dass er mit seinem eigenen Label und seiner Musik sein eigener Herr abseits des Klassikbusiness ist: "Kollegen erzählen mir manchmal, dass man als Pianist nicht zu viel Applaus bekommen darf, damit sich der Dirigent nicht minderwertig fühlt - man wird dann nämlich nicht mehr engagiert. So etwas macht doch keinen Spaß. Und ich finde, Musik muss Spaß machen."