Befreiung statt Tod, Blut und Beuschel: Liturgy aus New York. - © Erez Avissar
Befreiung statt Tod, Blut und Beuschel: Liturgy aus New York. - © Erez Avissar

Früher einmal war die Sache ganz klar. Black-Metal-Musiker und ihre Fans träumten auf Bettgestellen aus am Kopf stehenden Kreuzen vom Tier 666, dem Ausweiden germanischer Jungfrauen zwecks Opfergabe an den "Lord Of The Abyss" und dem langen Abgang der Erde durch den ewigen Höllenschlund. Nach dem Frühstück (die Asche von Aleister Crowley und ein halber Liter finnischer Korn der Marke "Total War" für hinterher!) ging es durch den dunklen, dunklen Wald zum nächsten Dorf, in dem es eine Kirche gab, die man anzünden konnte. Keine Gnade ist unsere Gnade! Kill! Kill! Die! Die!

IS der Popkultur

Black-Metal-Musiker trugen Leichenschminke im Gesicht und sangen guttural zwischen grabestiefem Sensenmanngrunz und dem exorzistisch-besessenen Falsett eines Untergangsrumpelstilzchens zu Doublebassdrum-Attacken und messerscharfen Massakerriffs in fremden Zungen ohne Scham über Schändung. Sie kultivierten eine Vorliebe für nordische Heldensagen, Massenmord und Joseph Goebbels und wurden von den US-Behörden für Amokläufe auf Schularealen verantwortlich gemacht, wenn daran gerade einmal keine Videospiele schuld sein sollten. Zweifelsohne war Black Metal der Islamische Staat der Popkultur! Zumindest wenn man davon absieht, dass man die Fans des Genres zuhause am Land als freundliche Veganer kennenlernte, die nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Altenpfleger anstrebten, um der Gemeinschaft ihren Dienst zu erweisen. Keine Hintergedanken jetzt! No sacrifices!

Nach diversen Mutationen ist man heute aber längst anderswo angekommen. Immerhin wurde das bevorzugt in Überschallgeschwindigkeit absolvierte Dauerstakkato im sogenannten Blackgaze ab Mitte der Nullerjahre über Bezüge zu Postrock, Shoegazing und Ambient nicht nur in Richtung Entschleunigung und ein mehr an Subtilität adaptiert. Vor allem die Loslösung vom ideologischen Unterbau zwecks Fokussierung auf die ästhetische Kraft der per se wirkungsmächtigen Musik allein ist zu nennen. Bands wie Wolves In The Throne Room oder vor allem die für die Hochenergiestudien ihres Albums "Sunbather" von 2013 auch im Feuilleton gefeierten Deafheaven aus San Francisco konnten damit nicht zuletzt eine Indie-affine Zielgruppe erreichen: Black Metal für Leute, die keinen Black Metal hören. Ohne Leichenschminke und mit Jeans und Freizeithemd wie du und ich im verhaltensunauffälligen Allerweltsoutfit versahen hier Acts ihren Dienst, denen mit dieser Montur in Finnland vor 20 Jahren wegen Entwürdigung eines Kulturguts noch der Scheiterhaufen gedroht hätte.

Dunkel und Licht


Liturgy aus New York mit dem zum Manifest neigenden Sänger und Mastermind Hunter Hunt-Hendrix an der gegenwärtigen Spitze einer Bewegung werden aus puritanischen Kreisen übrigens auch heute noch angefeindet. Mit dem nun erscheinenden dritten Album des Quartetts, dem knapp einstündigen programmatischen Monolithen "The Ark Work" (Thrill Jockey), sollte sich daran nichts ändern. Immerhin weicht die Band den Grundentwurf hier auch ohne gutturalen Gesang noch weiter auf. Zwischen monumentalen Bläserfanfaren, nachtschwarzen Bassdrones, grundierenden Orgelsounds, beigestelltem Dudelsack, Glockengeläut, in endzeitlicher Wucht sonische Schönheit verbreitenden Gitarrenakkorden und einem Schlagzeug, das an gebirgsmassive Gerölllawinen erinnert, entsteht ein Sound, in dem man ertrinken, in dem man sich ertränken könnte. Dabei beweist sich einmal mehr, dass die zwischenzeitliche Reduktion von Tempo mit einem Griff zur Handbremse den Druck nur ins Angenehm-Unerträgliche zu erhöhen vermag.

Trotz all der auf die letzten Tage verweisenden Düsterharmonik fokussieren die Ergebnisse im Gegensatz zu alten Black-Metal-Vorgaben allerdings nicht den Tod, sondern das Leben. Liturgy, Wandlung, aus Dunkel wird Licht: Letztlich hört man Musik, die vorzüglich reinigt und unermesslich befreit.