Einzigartige Sängerin mit fatal-exzessivem Lebensstil: Die große Billie Holiday, die 1959 im Alter von nur 44 Jahren verstarb. - © wikipedia
Einzigartige Sängerin mit fatal-exzessivem Lebensstil: Die große Billie Holiday, die 1959 im Alter von nur 44 Jahren verstarb. - © wikipedia

Elinor. Elinore. Elenoir. Eleanora. In der Geburtsurkunde, in den ärztlichen Unterlagen, in den Krankenhausakten wurde der Name des am 7. April 1915 um 2.30 Uhr in Baltimore geborenen afroamerikanischen Mädchens unterschiedlich geschrieben. Als Vater wurde jemand eingetragen, der nicht der leibliche Vater war. Noch komplizierter wurde es, als die Mutter Sarah Harris einen anderen Namen annahm, Fagan, und dann einen Mann namens Gough heiratete, der sie sitzen ließ.

Tochter Eleanora war da knapp zehn Jahre alt. Nichts deutete darauf hin, dass sie als Billie Holiday einmal eine der bedeutendsten und einflussreichsten Sängerinnen des Jazz werden sollte.

Fatale Neigungen


Ihre Familiengeschichte war verwickelt und reich an fehlenden Bezugspersonen. Sie wuchs in Baltimore in einem armen Viertel auf, vaterlos und unehelich. Ihre Mutter Sarah, genannt Sadie, war bei der Geburt knapp 18 Jahre jung, Haushaltshilfe, später arbeitete sie als Putzfrau. Der um ein Jahr jüngere Vater Clarence Holiday, ein Banjospieler, nahm erst viel später Kontakt zu ihr auf. Billies Mutter vererbte ihrer Tochter ihr sanguinisches Temperament, weshalb die beiden sich bis zu Sadies Tod 1949 heftige Auseinandersetzungen lieferten, dazu auch die fatale Neigung, sich immer in die falschen Männer zu verlieben.

Bei Billie waren es durchweg blendend aussehende, aber gewalttätige Nichtsnutze. Als Neunjährige wurde Eleonora ein Jahr lang in ein Kinderheim gesteckt, wenige Jahre später trat sie erstmals als Sängerin auf. Dann folgte der Umzug nach New York. Das Viertel Harlem bot der jungen Sängerin, die seit längerem "Billie" gerufen wurde und als Künstlername Holiday annehmen sollte, zahlreiche Clubs, Vergnügungen und Freunde. Sie sang, wo und wann immer es ging, anfangs in kleinen Bars und Clubs, wo die Sängerinnen einen Chorus oder zwei an jedem Tisch zum Besten gaben und ihnen dafür Münzen in die Hand gedrückt wurden.

Die ersten künstlerischen Höhepunkte erreichte sie als elegante "Lady Day" mit Gardenie im Haar und umfangreichem Repertoire in den 30er Jahren mit der erstklassigen Band von Count Basie und mit der ebenso guten des weißen Klarinettisten Artie Shaw. Einige stupende Aufnahmen aus dieser Zeit haben sich erhalten.

Da bereits beherrschte sie kunstvoll die Kunst des Tempoverschleifens, so dass sie stets einen Tick vor oder einen winzigen Tick nach der Rhythmusgruppe sang und solcherart ihren Signet-Songs "Strange Fruit", der bewegenden und im Schwarz-Weiß-segregierten Land großes Aufsehen erregenden Ballade über Rassismus und Lynchjustiz, oder auch "Billie’s Blues" etwas Besonderes, Einzigartiges, Akzentuiertes mitgab. Sie konnte ihre Stimme so modulieren, als seien es Saxofonläufe, die sie sang. Einen kongenialen Partner fand sie im hochsensiblen, exzentrischen und ähnlich selbstzerstörerischen Tenorsaxofonisten Lester Young, der vier Monate vor ihr starb.

1930 gegründet, wurde das Federal Bureau Of Narcotics 32 Jahre lang von Harry Anslinger geleitet, und zwar ebenso manisch wie das FBI von J. Edgar Hoover. 1937 gelang es Anslinger, Marihuana als hochgefährliche Droge einstufen zu lassen. Vor allem Jazzmusiker nahmen es zur Entspannung - und wurden nun schwerstkriminalisiert. Erst recht, wenn sie prominent waren. Denn prominente Arrestanten brachten für Anslingers puritanischen Kreuzzug mediale Aufmerksamkeit. Ganz besonders in seinem Fadenkreuz: die inzwischen berühmte Billie Holiday.

Ihre letzten zehn Lebensjahre waren geprägt vom schwindenden Interesse an Jazz in den USA (viele Musiker gingen nach Europa), von schwerer Drogenabhängigkeit, der unablässigen Verfolgung durch Anslingers Ermittler inklusive einem einjährigen Entzug, den sie in Freiheit gleich wieder abbrach, sowie auch von einer nachlassenden Stimme, ihres immer brüchigeren Timbres. Was ihr, die stets von Selbstzweifeln geprägt war, die sie durch Vitalismus, Derbheit, Promiskuität und Selbstzerstörung zu neutralisieren versuchte, schmerzlich bewusst war. Die letzten Aufnahmen, etwa "Lady In Satin", sind weniger gesungen als vulkanisch herausgeschleudert, getränkt in eine existenzielle Anstrengung, alles an Emotion in einen Song zu legen.

Im April 1959, kurz nach ihrem 44. Geburtstag, trat Billie Holiday zum letzten Mal im Club Storyville in Boston auf. "Ihre Stimme", staunte da ein Journalist, "fährt einem jetzt durch Mark und Bein, schmerzhaft wie ein Messer. Aber es liegt eine reife, vollkommen entwickelte Schönheit darin." Ihr gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich rapide, seit geraumer Zeit aß sie kaum mehr etwas. Drogen, vor allem der Alkohol, den sie weiterhin exzessiv trank, forderten ihren Tribut.

Am 31. Mai kollabierte die Sängerin in ihrer Wohnung und wurde ins Metropolitan Hospital in Harlem gebracht. Die Leberzirrhose hatte inzwischen weitere innere Organe in Mitleidenschaft gezogen. Als man Drogen in ihrem Spitalzimmer fand, die mutmaßlich ohne ihr Wissen hineingeschmuggelt worden waren, wurde sie im Bett verhaftet, erneut angeklagt, und vor dem Zimmer der Lebensmüden wurden zwei Wachen postiert. Am 17. Juli 1959 starb Billie Holiday. Sie wurde nur 44 Jahre alt.