Auf zu fernen Ufern: Wolfgang Muthspiel. - © Erich Reismann
Auf zu fernen Ufern: Wolfgang Muthspiel. - © Erich Reismann

Wien. "What happens outside doesn’t matter at all / in a world so large it’s good to be small / ’cos the bigger you are the harder you fall - Austria." Es steckt schon eine gewisse Ironie in der Hymne, die Wolfgang Muthspiel, der Weltbürger mit der Jazzgitarre, auf sein Heimatland Österreich singt. Feststeht aber auch: Aus dem wiegenden 6/8-Takt, der sensiblen Singstimme und den süffigen Begleitstreichern spricht begütigende Sanftmut. Als Track Nummer sieben gewissermaßen das Herzstück des neuen Albums, ist es vielleicht auch dessen schönstes Lied: Möge der Tag kommen, da dieses "Austria" den abgespielten Staatsbürgerschaftsnachweis von Rainhard Fendrich ersetzt.

Das Spektakuläre an der Scheibe "Vienna, World" ist aber vor allem, wie sehr sich der Titel in den Produktionsumständen spiegelt. Muthspiel, seit den 90ern als Jazzgitarrist in Übersee etabliert und doch in Wien beheimatet ("einem guten Platz zum Aufbrechen und Zurückkommen"), hat sich für die CD rekordverdächtig viel Zeit gelassen: Ein ganzes Jahr ist er um die Welt gereist und hat dabei in Brasilien, Argentinien, Schweden, Österreich und in den USA aufgenommen.

Wie kam’s? Nach "Vienna Naked" (2012), dem späten Coming-Out des Jazzers als Singer/Songwriter, wurde eine Fortsetzung des Projekts geplant. "Nachdem ich damals alles allein gespielt und gesungen habe, wollte ich aber mehr Farben, Stimmungen, Instrumente", sagt Muthspiel im Gespräch. "Ich habe dann überlegt, wo die Musiker wohnen, mit denen ich das gerne machen würde. So hat sich die Weltreise ergeben."

Mit Fernweh hatte sie aber nichts zu tun. "Im Jänner war ich zum Beispiel für fünf Trio-Auftritte in Hongkong und Tokio. Es ist oft so, dass wir für wenige Konzerte unglaubliche Distanzen zurücklegen." Beim neuen Album sei es vor allem darum gegangen, "einen längeren Prozess zu durchleben, in dem etwas entsteht. An jedem Ort bin ich länger geblieben, wir hatten Proben, Konzerte . . . das ist eine ganz andere Herangehensweise. Als Jazzmusiker geh’ ich ins Studio und nehm’ zwei Tage auf - und das war’s."

Die "Winterreise"
singt er privat


Vom Jazz ist auf dem neuen Werk ohnehin wenig zu hören: Virtuose Momente bleiben die Ausnahme in diesem meist sanften Liederreigen, durch den sich Muthspiels ungekünstelte Stimme singt. Warum hat er eigentlich so spät mit dem Singen begonnen? "Als Musiker singt man immer die Melodien, die man gerade schreibt. Aber konkret geworden ist das bei mir erst vor ein paar Jahren. Das hatte dann zur Folge, dass ich zu einer Gesangslehrerin gegangen bin." Die besucht er übrigens weiterhin. "Das ist die ehemalige Opernsängerin Olga Warla, ich geh irrsinnig gern zu ihren Stunden." Wobei sich Muthspiel jetzt nicht zum klassischen Tenor ausbilden lässt. Zwar singt er derzeit privat Schuberts "Winterreise" - den klassischen Liederzyklus par excellence. "Es geht dabei aber weniger um Interpretation als um eine Technik, auf möglichst gesunde Art und Weise zu singen." Die Jazzgitarre lässt er dabei nicht verkommen: Für die Zukunft ist ein weiteres Trio-Album beim renommierten Label ECM geplant. "Vienna, World" erscheint dagegen an diesem Freitag offiziell bei Material Records, Muthspiels eigener Plattenfirma.

Apropos: Stimmt es, dass man in dem Geschäftsfeld kein Geld mehr verdient? "Ja, die Zeiten sind vorbei." Dennoch, die Alben hätten ihr Positives. "Sie machen die Karriere eines Künstlers nachvollziehbar. Die Platte ist das, was bleibt. Den genialen Moment in irgendeinem Club in Kopenhagen - den gibt’s nicht mehr."