Thomas Jenkinson alias Squarepusher. - © Tim Saccenti
Thomas Jenkinson alias Squarepusher. - © Tim Saccenti

Alle Welt will authentisch sein, echt und einzigartig. Mag einer Live-Aufführung des - sagen wir einmal - von HK Gruber stammenden "Frankenstein!!"-Pandämoniums durch den österreichischen Komponisten selbst noch der Nimbus des Authentischen, Originären und Unwiederholbaren anhaften, so kokettierte die experimentelle Elektronikmusik stets mit dem Verwechselbaren und erhob das Ornamentale zur Kunstform. Elektronische Musik verwirklicht sich durch Samples und programmierbare Rhythmen in der Grauzone zwischen Originalität und Kopie. Nichts ist deshalb auch so einfach wie die Reduzierung elektronischer Musik auf Effekte mit Wiedererkennungswert. Eine Folge davon ist, dass die Welt mit elektronischen Klängen in ihrer trivialen Form überschwemmt wird.

Legendäre vier Takte


Der britische Elektromusiker Thomas Jenkinson alias Squarepusher verfolgt die Problematik des Einzigartigen innerhalb eines Mediums der Wiederholung mit Akribie. Wie viele andere hat auch er sich am inzwischen zur Legende gewordenen "Amen Break" abgearbeitet. Die nur vier Takte dauernde Passage geht auf ein Schlagzeugsolo von Gregory C. Coleman zurück, das dieser 1969 im Song "Amen, Brother" für The Winstons spielte. Es ist das vielleicht am häufigsten benutzte Sample der Musikgeschichte, aus dem ein ganzes Genre (Drum ’n’ Bass) hervorging. Dies ist jedoch nur eine Referenz, derer sich Jenkinson bediente. Andere wären im Jazz oder in der modernen klassischen Musik zu finden.

Im vergangenen Jahr erschien Squarepushers EP "Music For Robots", das für die japanische Roboterband Z-Machines konzipiert wurde. Das Robotertrio besteht aus einem 22-armigen Schlagzeuger, einem 78-fingerigen Gitarristen und einem Keyboarder, der sein Instrument mit einem Laser bedient. Stilistisch pendelt dieses etwas gespenstisch wirkende Szenario zwischen Free-Jazz-Ambitionen, Dissonanzen à la Frank Zappa und minimalistisch-romantischen Klängen.

Damit konnte Jenkinson zeigen, dass "beseelte" Musik keineswegs von "beseelten" Wesen interpretiert werden muss, um emotional wahrgenommen zu werden. Die Spirale um die Frage nach dem "wahren" Ausdruck wurde ein kleines Stück weitergedreht, auch wenn bereits zuvor bekannt war, dass Emotionalität programmiert werden kann.

Nun legt der 40-Jährige mit "Damogen Furies" ein neues Album vor, das die elektronischen Klangwelten mehrerer Jahrzehnte zu synthetisieren versucht. Jenkinson arbeitet mit hämmernden Beats, ertüftelt Soundkaskaden und zerstückelt die Musik auf eine Weise, dass man unwillkürlich immer noch an seinen Mentor Aphex Twin denken muss. Um den magnetischen Effekt des neuen Albums zu realisieren, hat Jenkinson jahrelang an Softwaresystemen gebastelt. Als Reaktion auf das Spannungsfeld von Reproduzierbarkeit und Live-Aufführung sind die Songs ohne nachträgliche Veränderungen eingespielt worden.

Paranoia und Alptraum


Diese Betonung des Authentischen im Reproduzierbaren zeigt wiederum das Dilemma zeitgenössischer Musik auf: Im Zeitalter der Chimären und Zombies, der Simulationen und Simulakren, des Imaginativen und Imaginären lässt sich nicht länger ohne Ironie auf einen Ursprung verweisen.

Die Komposition ist immer schon Teil eines polykontexturalen Gebildes. Dementsprechend erinnern die Klänge von "Rayc Fire 2" an hyperventilierende Spielautomaten und "Kontenjaz" verstrickt sich im Fusionjazz, um dann in eine Spaceopera abzudriften. Die Liebäugelei mit Industrial von "Kwang Bass" wird mit psychotischen Momenten unterlegt, wie man sie aus Horrorfilmen der 70er Jahre kennt. Das Getriebene, die Paranoia und der Alptraum sind die prominentesten Themen.

Jenkinson experimentierte stets mit den Grenzen des Ausdrucks. Auch wo mit Jazz, Techno und Drum ’n’ Bass Strukturen zerfasert und wieder zusammengefügt werden, schimmert bei aller Orientierung ein unterirdisches Labyrinth durch, in dessen Gängen man sich haltlos verlieren kann. Die nervöse Unruhe von "Damogen Furies" ist kein verzweifeltes Auf-der-Stelle-Treten, sondern Spiegelbild eines Zeitgeistes, der das Authentische sucht und sich im zersplitterten Universum multipler Identitäten verliert.

Squarepusher

Damogen Furies

(Warp/Rough Trade)