"Es wird immer weiter geh’n / Musik als Träger von Ideen" - so lautet bekanntlich das Motto von Kraftwerk, doch könnte dieser Sinnspruch ebenso passend das Werk und Treiben der Ex-Hamburger Diskursrocker von Tocotronic beschreiben. Unlängst erst, 2013, feierte man mit dem formidablen "Wie wir leben wollen", Album Nummer zehn, das 20-jährige Bestehen der Band.

Die mit 17 Songs bestückte Platte war erneut ein großer Wurf voller Highlights und fast ohne Füller. Denk- und Hörmaterial, dessen Ablaufdatum noch einige Jahre herhalten wird. Und während wir noch darüber rätseln, wann und wie die in "Abschaffen" beschworene Revolution den Tod aus der Welt schaffen wird, geht es schon weiter in der zwar nie geradlinigen, aber von Peinlichkeiten stets unberührten Karriere von Tocotronic.

Offenkundig war für die Band nicht mit dem Jubiläum, sondern erst heuer der richtige Zeitpunkt gekommen, um in Form des opulenten Bild- und Textbandes "Die Tocotronic Chroniken" (Verlag Blumenbar) eine Bilanz der Bandgeschichte zu ziehen. Für Nichteingeweihte in den Tocotronic-Kult, wie auch langjährige Mitglieder der Kerngemeinde werden darin alle wesentlichen Stationen vom Debüt "Digital ist besser" bis zum heutigen Stand anschaulich mit un- wie altbekannten Dokumenten aller Art dargestellt.

Dabei werden auch manche Mythen gelüftet; nicht jedem war wohl klar, dass der Titel des Albumerstlings sich auf Digitaluhren bezieht, und nicht etwa auf Aufzeichnungsverfahren für Musik. Nur der penetrant ironische Ton des Journalisten Jens Balzer nervt ziemlich schnell in diesem ansonst schönen Buch.

Mit den üblichen Fanfarenstößen vorangekündigt ist nun pünktlich zum Tag der Arbeiterklasse sozusagen die Platte als Fortsetzung des Buchs mit musikalischen Mitteln erschienen. Wie das neue Album genau heißt, lädt dabei zu Spitzfindigkeiten ein, denn es oszilliert irgendwie zwischen titellos und selbstbetitelt, wobei es für unsere Zwecke eigentlich ausreicht, festzustellen, dass es (wie schon das Opus von 2002) keinen Titel hat und fürderhin, in Fortsetzung der Gepflogenheit, sich auf die Primärfarbe des Covers zu beziehen, als "Das rote Album" in die Annalen der deutschsprachigen Pop-Rock-Indie-Musik eingehen dürfte.

Muss an dieser Stelle eigentlich gesagt werden, dass die rote Farbfläche auf dem Cover eine Reproduktion von Kasimir Malewitschs Gemälde "Das Rote Quadrat" von 1915 darstellt? Schaden kann es sicher nicht. Zumal man daher annehmen könnte, dass es wesentlich um Politik geht. Das allerdings stimmt nur insofern, als einem angestaubten Bonmot zufolge das Private immer auch politisch ist. Denn weniger dem Willen seiner Schöpfer als vielmehr der Eigenbewegung des musikalischen Materials ist es geschuldet, dass das feurige Rot hier für die Liebe steht, und dies in all ihren Schattierungen.

Der beschleunigende Opener "Prolog" mit seinem schönem Motorik-Beat huscht gleich angenehm in die Gehörgänge, aber die beiden nachfolgenden Stücke, darunter die Vorabauskopplung "Die Erwachsenen", sind bizarrerweise die schwächsten der Platte. Denn ab Song Nummer vier, dem von Händeklatschen begleiteten "Rebel Boy", ist man dankbar, dass Tocotronic es wieder geschafft haben, ein unwiderstehliches Stück Musik gleichsam aus dem Nichts zu zaubern.

In der zwingenden Ballade "Spiralen" wiederum singt Dirk von Lowtzow beschwörend zu zuckersüßen Streichern davon, wie er sich in Spiralen bewegt, und diese "drehen sich nur um Dich / Sie sind unendlich / Sie kreisen nur um Dich." Und so wunderbar geht es immer weiter auf dieser Platte voller Lovesongs, die allesamt ohne den handelsüblichen Kitsch auskommen, ohne falsche Pose, und auch ohne den Anspruch, das Zentralthema der Popmusik erschöpfend behandeln zu können. "Denn eines vertrau ich Dir noch an / Ich bin leicht zu kriegen / Nimm Dir was Du kannst" - Menschen, macht es ebenso, stürmt die Plattenläden und kauft dieses Album. Ihr werdet es lieben.

Tocotronic: Tocotronic (Das rote Album) (Universal Music)