Bringen wieder Schwung in die Bude: Hot Chip um Sänger Alexis Taylor (mit Augenschutz für Disconächte gewappnet).Foto: Steve Gullick
Bringen wieder Schwung in die Bude: Hot Chip um Sänger Alexis Taylor (mit Augenschutz für Disconächte gewappnet).Foto: Steve Gullick

Eine Obsession für Turnschuhe ist dem Pop nicht fremd. Run DMC erhoben "My Adidas" einst regelrecht in den Rang eines Fetischs. Die "Huarache Lights", die Hot Chip im Opener ihres neuen Albums "Why Make Sense?" bejubeln, sind dagegen (wiewohl das nämliche Produkt aus dem humanitär nicht über alle Zweifel erhabenen Hause Nike stammt) nur eine Allegorie auf Lebensfreude.

Sobald er das (mittels eingebauter Reflektoren ermöglichte) Strahlen dieser Turnschuhe sehe, sei alles fein, eröffnet Sänger Alexis Taylor ein Szenario, das grundsätzlich dem nächtlichen Eskapismus in einem Tanztempel frönt. In diesem Song steckt aber auch eine Herausforderung: "Replace us with the things that do the job better." Wenn ihr irgendetwas wisst, das unseren Job besser macht - nur her damit.

Kräfte der Maschine


Natürlich reflektiert diese Ansage den künstlerischen Status und die Situation der Band. Mit Album Nummer sechs kann sie schwerlich als der Hype gespielt werden, als der sie vor gut zehn Jahren die Pop-Musik aufmischte - und den sie insofern rechtfertigte, als sie sich als stilbildend erwies: Sie brachte nach einer längeren Phase des auf verschiedene historische Vorbilder Bezug nehmenden Gitarren-Rock wieder die Kräfte der Maschine zurück in den Pop und stellte sie in den Dienst eines neuen, zwischen Pet-Shop-Boys-Melodik, serieller House-Rhythmik und Techno vazierenden Dancefloor-Stils.

Eigentlich relativ unauffällig, behutsam und in harmonischem Entwicklungsablauf ist diese Musik sukzessive durch handgemachte Elemente bereichert worden - und irgendwann gegen Ende der Nullerjahre waren Hot Chip, die zunächst nur aus dem Komponisten-Duo Alexis Taylor und Joe Goddard bestanden hatten, zu einer richtigen Band geworden.

Was sofort für ihr neues Album einnimmt, ist das gelassene Wissen, nichts mehr beweisen zu müssen. Schon der Titel könnte gut als Infragestellung von Ambitiosität interpretiert werden: "Why Make Sense?" - kein Statement wie bei den Talking Heads der Slogan "Stop making sense", sondern ein ziemlich lässiges Man-kann-ja-einfach-auch-einmal-auf-Sinnstiftung-Verzichten. Der Titelsong dreht sich zwar in schwärzlich umwölkter Gemütslage um existenzielle Fragen (und enthält dabei so unschlagbare Zeilen wie "why be tough when strength is just for losers"), verweigert sich aber genausogut der Verlockung, eine superiore Posi-tion einzunehmen.

Wesentlich anders gelagert als die teilweise recht vertrackten und fordernden Soloplatten und Nebenprojekte von Sänger, Texter und Haupt-Songschreiber Taylor, will dieses Werk zuallervorderst unterhalten, Konsens herstellen und Schwung in die Bude bringen. Wer dann noch über die Inhalte nachgrübeln will, kommt aber auch noch auf seine Kosten, wenn Taylor beredt dem unerbittlichen Verstreichen der Zeit, der Hilflosigkeit vor der Allgegenwart des Terrorismus, der Geborgenheit, aber auch der drohenden Leere in Beziehungen nachspürt.

Musikalische Offensive


Wenn "Why Make Sense?" also musikalisch in die Offensive geht, so versagen sich Hot Chip dabei - Ehrensache! -, den Schritt zurück zu den bewährten Mitteln von erfolgreichen LPs wie etwa "One Life Stand" von 2010. Vielmehr schwelgen sie hier in Disco der reinen Lehre, also der 70er Jahre. Und machen paradoxerweise die Disco-Platte für Disco-Skeptiker. Für jene Zeitgenossen (wohl mehrheitlich fortgeschritteneren Lebensalters), die Disco als eskapistischer Musik einerseits schon ein unterschwelliges Grundmisstrauen entgegenbringen, andererseits ein- oder zweimal zu oft miterlebt haben, wie dieser Stil aus dem Hut gezaubert wird, wenn eine Band in demonstrativer (Selbst-)Ironie nach hipper Oberflächenpolitur lechzt.

Solcher Gimmicks sind Hot Chip unverdächtig. Sie führen einfach vor, wie man Disco wunderschön - und organisch wie nie zuvor - realisiert: Mit großzügig portioniertem Philly-Soul inklusive der charakteristischen Streicher und dem Clavinet Stevie Wonders sowie ordentlichen Funk-Bässen. Und natürlich mit Taylors hoher, dünner Schulbubenstimme, der diese Musik wie ein Maßanzug steht.