Afrikanischer Stolz: Nina Simone, porträtiert 1968. - © JazzSign/Lebrecht Music & Arts/Lebrecht Music & Arts/Corbis
Afrikanischer Stolz: Nina Simone, porträtiert 1968. - © JazzSign/Lebrecht Music & Arts/Lebrecht Music & Arts/Corbis

Als es ein vorlautes Handy wagte, sich in das Klangbild von Dirigent Nikolaus Harnoncourt zu mischen, fackelte der Maestro nicht lang: Jäh wandte er den Kopf in Richtung Publikum und fixierte es mit Augen, in denen das Weiße zu beängstigender Größe wuchs. Der elektronische Störenfried - ihm dürfte in dem Moment vor Schrecken der Strom ausgegangen sein.

Kaum auszudenken, was Nina Simone in so einem Fall getan hätte. Die Ikone des Jazz und Soul - sie starb noch vor der Handy-Hochblüte, im Jahr 2003 - konnte ihr Publikum kräftig zusammenputzen ("Setz dich, Mädel!"), und ihr Blick sprühte dabei nur so vor Funken. Todernst, fast grausam wirkte das, und Simone konnte so eine gefühlte Ewigkeit in den Saal starren. Wenn sie sich dann ans Klavier setzte und plötzlich kicherte wie ein Schulmädchen, ging eine Woge der Erleichterung durch den Raum. Nina Simone, auch das muss man über diese amerikanische Ausnahmekünstlerin sagen, litt an einer Geisteskrankheit.

Geprügelte Prüglerin


"What happened, Miss Simone?" heißt eine neue Dokumentation über die Sängerin, und es ist erfreulich, dass sie diesen Aspekt nicht verschweigt - zumal der Film vom Online-TV-Dienst Netflix und dem "Nina Simone Estate" produziert worden ist. Simone war manisch-depressiv, konnte auf der Konzertbühne ebenso ausrasten wie privat. Ihre Tochter schlug sie, bis diese Selbstmordgedanken hegte; sie selbst war von ihrem Ehemann geprügelt worden - einem Ex-Cop, der Simone als Manager bis zur Erschöpfung arbeiten ließ. Wie sehr sie seelisch von ihm abhing, unterstreicht ein fast tragikomisches Zitat. Auf dem Zenit der Bürgerrechtsbewegung hatte Simone ihren Zorn auf die Weißen fokussiert. "Ich wäre zur Mörderin geworden, hätte mir Waffen verschafft und Gewalt mit Gewalt vergolten", sagte sie. "Aber mein Mann hat sich geweigert, mir zu zeigen, wie man schießt. Also habe ich auf ihn gehört, und so blieb mir nur die Musik."

Simone, Ikone der Black Community: So kannte man sie ab Mitte der 60er. Beim dritten Marsch von Selma war sie ebenso dabei wie Sammy Davis Jr. und Harry Belafonte. Anders als die Kollegen war ihre Kunst längst politisiert. "To be Young, Gifted and Black" heißt einer ihrer größten Erfolge aus eigener Feder, ein anderer "Mississippi Goddam" - eine Antwort auf rassistische Morde im Süden. Vorbei die Zeiten, da Simone die hippe Entdeckung des weißen Amerika war. Anfang der 60er sang sie in der Fernsehshow eines gewissen Hugh Hefner, wenige Jahre später bespielte sie die Carnegie Hall mit Jazz. An sich Sensationserfolge für eine Künstlerin, die sich mit dem Establishment bisher schwergetan hatte. 1933 als Eunice Kathleen Waymon geboren und früh als Klaviertalent gefördert, trainierte sie verbissen für das Fernziel, die welterste schwarze Konzertpianistin zu werden. Doch der Traum platzte, eine Musik-Universität lehnte Simone ab - aus rassistischen Gründen, wie sie meinte. Notgedrungen begann sie, sich in versifften Nachtklubs mit Jazz und Gassenhauern zu verdingen. Damit die Mutter nichts von der Teufelsmusik erfuhr, erfand sie das Pseudonym.