Ein Ausgangspunkt für das Album dürfte auch in Andreas Prochaskas Alpen-Western "Das finstere Tal" zu finden sein. Für den Soundtrack dazu griff Clara Luzia erstmals explizit auf Twang-Gitarren zurück, wie sie im Genre spätestens seit Ennio Morricone in Stein gemeißelt sind und Bilder von Schießduellen und über der Staubwüste kreisenden Aasgeiern vor das geistige Auge zaubern. Auch Close-ups auf Augenpartien, ins Nichts verlaufende Gleise und eine Glasflasche mit Schnaps darin kommen vor. Dazu läuten im Hintergrund unheilvoll die Glocken vom Kirchturm herüber. Aargh! Peng! Bumm! Ha! Wieher!

Die unüberhörbare klangliche Neuausrichtung kommt aber auch daher, dass Clara Luzia für ihr nun erscheinendes neues und mittlerweile sechstes Studioalbum "Here’s To Nemesis" anstelle des einst üppiger mit Streichern ausstaffierten Songwritings heute auf das klassische Band-Line-up setzt und dabei auf allen Schnickschnack verzichtet. Gemeinsam mit Ehefrau Catharina Priemer am Schlagzeug, dem vielbeschäftigten Bassisten Paul Schreier (pauT, Der Nino aus Wien) und Julian Simmons als Soundregisseur zeitigt das nicht nur knackige Midtemposongs, die sich zumindest zwischendurch auf die "Lust For Life" eines Iggy Pop oder den Tanzboden-Groove der Sterne aus Hamburg beziehen. Vor allem wird der Twang bei näher an das "Blue Hotel" von Chris Isaak gebrachten Meditationen wie "Wounds & Scars" im Verbund mit Pluckerbeats aus alter Gerätschaft auf US-Musik mit Noir-Noten und gedimmtem Licht gepolt. Twang mag ja drüben im Wilden Westen Gefahren durch Colts und Ganoven und Aasgeier bedeuten, er steht aber gerne auch synonym für den sinnlichen Weg ins Verderben - man höre nur die Hotelzimmerdramen einer Anna Calvi oder die "Ich und mein Boyfriend auf dem Weg nach ganz unten"-Songs von Lana Del Rey.

Ein Understatement


Nicht von ungefähr reicht Clara Luzia mit "West Coast" auch ein hübsch zwischen Lärm und sehnsuchtsvollem Wohlklang gehaltenes Cover der Letztgenannten. Und mit dem mysteriösen Roadtrip von "Fat Yellow Moon" steht auch eine dazu gut passende Hommage an die heimischen Kollegen von Luise Pop auf dem Programm, deren Chefin Vera Kropf zuletzt ganz realbiografisch in die USA aufbrach, um sich sicherlich auch Inspiration für weitere musikalische Highwayfahrten zu holen.

Inhaltlich legen weitere Songtitel wie "Cosmic Bruise", "Frowned Upon" oder "Shipwreck" bereits nahe, dass Clara Luzia auch heute wieder mit inneren Krisen zu kämpfen hat. Dazu ist - neben der explizit genannten Gefahr, von der globalen Nachrichtenlage erdrückt zu werden - die eine oder andere Zeile durchaus vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingskrise zu lesen. Dass die Songwriterin zuletzt vom Stadttheater Klagenfurt beauftragt wurde, Texte von Christine Lavant für das Stück "Lavant!" (Premiere am 8. Oktober) zu vertonen, passt also. Auch dabei sollten wieder schwere Themen regieren.

Vor allem mit "Magic" gelingt Clara Luzia auf "Here’s To Nemesis" allerdings ein Befreiungsschlag, der in seiner Unaufgeregtheit die große Kunst des Understatements erklärt. Zuerst denkt man "Aha!", dann denkt man "Wow!". Wir hören ein Lebens- und Liebesbekenntnis, das Schmerz in Geborgenheit wandelt.