Ganz grundsätzlich hat man sich im Fachbereich Pop längst so sehr an den Einsatz aller zur Vermittlung von Emotion zur Verfügung stehender Mittel gewöhnt, dass ein gewisses Overacting im Vortrag als Normalfall empfunden wird. Zumindest von der Laufkundschaft wird Pop ja gerne vor allem als Hintergrundbeschallung wahrgenommen, wenn im Werbespot der Versicherung beispielsweise das pralle Leben porträtiert werden soll oder sich in der Krankenhausserie zwischen dem OP-Saal oder dem Schlafzimmer des Chirurgen gerade ein Drama ereignet. Pop als weit über die handelsüblichen 50 Watt hinausreichender Verstärker von Gefühlen, die immer sehr stark und gerne auch etwas zu viel sein dürfen. Die maximale Wirkung erreicht sich nicht von allein!

Harter Stoff


Als vergleichsweise ungewöhnlich bis im Extremfall irritierend gilt es, die pure, also akut ans Herz gehende oder aus diesem hervorströmende Emotion beiläufig, lapidar oder gar auf die Betriebstemperatur einer Gefriertruhe heruntergekühlt darzureichen. Es besteht hier die empfindungstechnische Verwechslungsgefahr mit eiskalten Figuren aus Gewaltfilmen, die ihre Seele längst an den Teufel verkauft haben und sich nicht mehr spüren. Oder aber es könnte bedeuten, für die Spieldauer eines Albums nichts weniger ausgeliefert zu sein als einer handfesten Depression. Und wer will das schon - verglichen mit ein wenig dann eh gut zu verkraftendem Primetime-Melodram?

Nicht nur einer diesbezüglich mit Vorbehalten versehenen Hörerschaft sei Mirel Wagner dringend empfohlen. Die 1987 in Äthiopien geborene und in Finnland aufgewachsene Singer-Songwriterin liefert neben dem harten Stoff zwar tatsächlich nur den harten Stoff, wenn es etwa um Themen wie den Tod, den Tod oder auch den Tod gehen soll.

Allerdings reicht sie diesen zu spartanischem Fingerpicking an der meist akustischen Gitarre ohne sonstiges Beiwerk (wer braucht das - und wozu?) oft so beiläufig, lapidar, abgekühlt und desperat mit vom Leben müder Stimme, dass es seinesgleichen sucht. Wir hören schwarze Lieder mit schweren Lidern, in denen es um sterbende Kinder und tote Lebensmenschen ebenso geht wie um Gewalt und ihre Folgen in zerschmetterten Seelen. Wie im Werk der (frühen) PJ Harvey hat nicht von ungefähr auch der Teufel den einen oder anderen Gastauftritt.

Seit ihrer Entdeckung im Rahmen einer Open-Mic-Nacht in Helsinki und auf Werken wie ihrem selbstbetitelten Debüt von 2011 oder dem 2014 veröffentlichten, bereits vom Titel her beklemmenden Nachfolger "When The Cellar Children See The Light Of Day", für dessen Sound der ansonsten auf Ambient, House und Techno gebuchte Produzent Vladislav Delay seine Kernkompetenzen nicht im Ansatz ausleben durfte, sorgt Mirel Wagner dabei für Gänsehaut.

Mitunter kann man sich als Hörer bei Stücken wie "The Road" zwar greinende Begräbnisstreicher vor dem geistigen Ohr imaginieren. Allerdings ist das nicht nötig, weil die Intensität dieser Musik gerade aus ihrem Mut zur Lücke entsteht. Zwischen Folk-Einschlag und dem Erbe des Blues, was die Aussparung und eine erzählerische Tradition in der reinigenden Wehklage betrifft - in der konkreten Gitarrenarbeit aber nur auszugsweise -, sowie mit vorsichtigen Bezügen zu den gedimmten Zupfgitarrenliedern Leonard Cohens vor dessen Entdeckung japanischer Keyboards bleibt auch der ästhetische Überbau knapp, reduziert und überschaubar. Dreißig Spielminuten pro Album reichen übrigens vollkommen aus. Neben dem Wesentlichen ist immer nur das Substrat aller Dinge bedeutsam.

Nach Konzerten der einen Cocorosie-Hälfte als Bianca Casady And The C.I.A. sowie der britischen Laptop-Akrobatin Gazelle Twin am Donnerstag und Freitag steuert die "The Ineffable Me"-Konzertreihe im Wiener Brut mit Mirel Wagner am Samstag also auf ihren Höhepunkt zu: "Mother, I see nothing at all."