Auskünfte über sein neuestes Werk gibt der Mann selbstverständlich auch diesmal nicht. Er ist David fucking Bowie und kann es sich leisten, die Arbeit für sich sprechen zu lassen. Von den wenigen gesicherten Informationen, die über den nur mit einem Sternsymbol versehenen, allerdings "Blackstar" geheißenen 25. Studiostreich des Meisters verfügbar sind, gehen im Grunde alle auf Tony Visconti zurück, Bowies Produzenten und lebenslangen Partner in Crime. Noch vor einem ersten Hördurchgang und vor allem nach Veröffentlichung der titelgebenden Auftaktsingle war dabei nahegelegt, dass sich Bowie noch einmal neu erfunden und so etwas wie ein sehnsüchtig erwartetes radikaleres Spätwerk eingespielt haben könnte, mit dem man zuletzt nicht mehr rechnen wollte.


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Nach seiner zehnjährigen Veröffentlichungspause in Folge eines Herzinfarkts während der "A Reality Tour" im Jahr 2004 war der Mann schließlich mit seinem unter strengster Geheimhaltung eingespielten und entsprechend überraschenden Comebackalbum "The Next Day" 2013 so grundsolide wie bisweilen ganz wunderbar, aber auch weitgehend nahtlos zum für seine Verhältnisse gewöhnlichen Midtemporock von vor seiner Auszeit zurückgekehrt.

 
Für "Blackstar" (Sony Music), das nun pünktlich zum 69. Geburtstag Bowies am 8. Jänner erscheint, war das Ziel laut Visconti, Rock’n’Roll überhaupt zu vermeiden.

Gefühlslage Großstadtblues

Bei einem Besuch im Club fand der einstige Stilhopper seine ganz dem Jazz verschriebenen Erfüllungsgehilfen, von denen nicht zuletzt Mark Guiliana am Schlagzeug und Donny McCaslin am Saxofon im Grenzland zwischen spröden Beats und nächtlich-verwaschenem Großstadtblues (die Gefühlslage, nicht das Genre!) Hauptrollen spielen. Im Titelstück, das im letzten Moment auf knapp unter zehn Minuten geschnitten wurde, um eine Veröffentlichung auf iTunes zu garantieren, wird die Stoßrichtung vorgegeben: Bowie singt mit dünn-zerbrechlicher Stimme und dem gewissen Orgien-Mysterien-Einschlag, bevor schamanische Gruppengesänge einen durch Outer Space schwebenden Mittelteil rituell willkommen heißen. Greifbares trifft auf Verschwimmendes, womöglich ist der Song, der auch textlich wenig zum Festhalten bietet, laut McCaslin aber vom Daesch inspiriert wurde (wovon Visconti wiederum nichts wissen will), ein Fiebertraum mit Exekutionsvisionen. Sicher aber ist er ein eigentümlich faszinierendes Hybrid, das durch geheime Gärten und verwunschenes Dystopia führt. Es klingt nach erheblich zu viel Kokain, so wie Mitte der 70er Jahre, als Bowie in seiner "Station To Station"-Zeit dem Wahnsinn entgegenschritt.