Ein Kunststück gelingt dem Album bereits auf dem Papier. Die Junior Boys mögen auf "Big Black Coat" (City Slang/Universal) zwar die auch als Formel eines herzschmerztechnischen Weltleides und Sich-Verzehrens vor Begehren gebrauchte direkte Anrede "Oh, baby" in etwa so oft verwenden, wie man das aus dem Georgemichaelstan der 1980er Jahre mit Cocktailschirmchen und Tanga in tropischen Feuchtgebieten inszeniert in Erinnerung hat. Hier hatten dann auch Kreditkarten in den Songtexten einen Gastauftritt. Schön war die Zeit und bekanntlich sehr sexuell.

Allerdings haftet den Ergebnissen bei den Junior Boys nichts Anmaßendes oder gar Machoides an, obwohl mit Jeremy Greenspan die eine Hälfte des kanadischen Duos im Vorfeld der Veröffentlichung auch noch erklärte, dass man mit den elf neuen Songs allen einsamen und daher emotional bis gar von der Damenwelt frustrierten Männern eine Stimme verleihen wolle. Der kritische Beobachter durfte hier kurz die Augenbraue heben und Assoziationen im Graubereich zwischen gefährlichem Selbstmitleid und verkorkstem Väterrechtlertum kultivieren. Zum Glück haben die Junior Boys das Herz aber am rechten Fleck und mit ihrem Sound of Schmacht bereits auf Alben wie "Last Exit" von 2004 oder dem standesgemäß betitelten Nachfolger "So This Is Goodbye" von 2006 ein Mittel gefunden, ihr Kernanliegen auch ästhetisch stringent auszuformulieren.

Song trifft Track


Wir hören Elektro-Pop mit Neigung zu käsigen Keyboardflächen, der - wie es nach der Vorarbeit der Boys bald in den Nullerjahren generell wieder Mode wurde - nicht zuletzt zwischen angeraunt-sehnsüchtigem Gesang und nachtschattiger Elektronik zu zärtelnden Snare-Tupfern in einen Flirt mit R&B zeitgenössischer Ausformung verfällt. Dass das Duo sein grundsätzliches Wissen um und seine Vorliebe für elektronische Genremusiken heute aber stärker auslebt denn je, hat auch mit einem zu tun: Die fünfjährige Phase nach dem bisher letzten gemeinsamen Album "It’s All True" von 2011 wurde von Jeremy Greenspan für seine Arbeit als Co-Produzent für Leute wie Dan Snaith alias Caribou und mit Jessy Lanza vor allem eine große Schwester im Geiste genutzt, während sein Partner Matt Didemus von Berlin aus sein Label Obession Recordings zu betreiben begann und Techno produzierte.

Auf dem in Greenspans Studio in Hamilton, Ontario entstandenen "Big Black Coat" hört man neben allen bekannten angenehm pickerten Keyboardsounds und den zärtlich wärmenden und gerne romantisch gestimmten Melodien zu strammen Vierviertel-Bassdrums und flotten Pluckerbeats vor allem wabernde Synthesizer auch als Maschinen, die Gefühle haben.

Neben Kraftwerk als Grundlage dafür setzt es vordergründig (gleichfalls einst vom Düsseldorfer Globalisierungsmotor beeinflussten) Detroit Techno. Nicht zuletzt im Song und Track begnadet vereinenden Titelstück zum Abschluss der knapp 50 Spielminuten ist so auch dafür gesorgt, dass man im Club oder zu Hause im Schlafzimmer nicht nur weinen, sondern sehr gerne auch melancholisch tanzen wird wollen.

Glücklicherweise kann es diesbezüglich zur Gruppentherapie kommen, wenn die Junior Boys mit Jessy Lanza am 21. Februar im Wiener B72 gastieren. Das Motto des Abends kennt man bereits. Oh, baby!