Sydney/Wien. Irgendwann, als die Ärzte die Demenz bei Malcom Young schon festgestellt und ihm Medikamente verschrieben hatten, hakte Bruder Angus nach. "Wirst Du fit sein? Denn es wird eine heftige Tour werden." Das neue Album von AC/DC war fertig abgemischt, jetzt wollten die australischen Hardrocker "Black Ice" auf einer zweijährigen Welttournee in die Massen tragen.

Malcom, der seinem Bruder zufolge hart im Nehmen war, ließ sich wie schon bei den Studioaufnahmen nicht umstimmen: "Wir machen es. Wir machen es." 168 Konzerte schmetterten AC/DC dann für ihre Fans und spielten einen Umsatz von mehr als 441 Millionen Dollar (372 Millionen Euro) ein. Aber zwischen den Auftritten, manchmal sogar auf der Bühne, nagte die Krankheit am Gitarristen. "Es war harte Arbeit für ihn", erinnerte sich Leadgitarrist Angus in einem Interview des "Guardian". "Er musste viele Songs, die er auswendig konnte, neu lernen." Während einiger Shows habe Angus sich sogar gefragt, ob sein Bruder sich in einem Stück verloren habe. "Aber er kam durch." Dann zwang die Demenz ihn zum Abschied aus der Band.

Johnson droht Gehörverlust

Nun scheint auch Sänger Brian Johnson das Alter eingeholt zu haben. Vor dem Risiko eines "kompletten Verlust seines Gehörs" hätten Ärzte ihn gewarnt, wenn er weiter auf Tour gehe, teilte die Band mit. Wie bitter der medizinische Befund für einen begnadeten Rockmusiker sein muss, der mit seiner unverwechselbaren Falsettstimme Legionen erzittern lässt, ist kaum vorstellbar. Nach weltweit 200 Millionen verkauften Alben, nach "Highway to Hell" und "Whole Lotta Rosie" soll ein Arzt darüber entscheiden, ob Brian Johnson noch rocken darf?

Dass die Entscheidung über die Zukunft der 1973 in Sydney gegründeten Band schwer fällt, zeigt sich schon am vorläufigen Spiel auf Zeit: Die zehn innerhalb der kommenden vier Wochen bevorstehenden Konzerte in den USA werden verschoben, der Sprung nach Europa soll aber wie geplant gelingen. Anfang Mai bis Mitte Juni wollen AC/DC unter anderem in Spanien, Frankreich, Österreich (am 19. Mai im Wiener Ernst-Happel-Stadion), der Schweiz, Großbritannien, Deutschland und Dänemark spielen.

Vermutlich wird ein Gast-Sänger für den angeschlagenen Johnson ans Mikrofon treten. Doch wie will AC/DC die unvergleichlich kratzige, kantige Kehle des 68-Jährigen ersetzen? Auch der "ewige Schuljunge" Angus, der diesen Monat seinen 61. Geburtstag feiert, werde nicht für immer weitermachen können, schreibt der "Sydney Morning Herald". "Niemand will, dass AC/DC sich mit einer komplett neuen Aufstellung in eine Farce verwandelt." Erschwerend kam schon hinzu, dass der mit Suchtproblemen kämpfende Schlagzeuger Phil Rudd vergangenen Juli wegen Drogenbesitzes zu acht Monaten Hausarrest verurteilt wurde.

The Who, die Eagles, Aerosmith, Guns N'Roses: Selten fällt es Rocklegenden leicht, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg zu finden. Anders als im Spitzensport, wo der Körper der Profi-Karriere mit Ende 30 einen Riegel vorschieben kann, stehen Musiker oft bis ins hohe Alter auf der Bühne. Warum auch nicht: Fans halten ihnen die Treue, und viele Künstler entwickeln in späten Schaffensphasen neue, zuvor unentdeckte Seiten. Die Kunst liegt darin zu gehen, wenn es am Schönsten ist. "To end on a high note", wie die Amerikaner sagen.

"Vergiss' den Leichenwagen weil ich niemals sterbe", schreit Johnson in der ersten Strophe vom Monster-Hit "Back in Black". "Ich habe neun Leben / Katzenaugen / Missbrauche jedes davon und drehe total durch". Wie bei allen Bands dieses Kalibers gilt auch bei AC/DC: Ihre Musik ist unsterblich. Die Musiker sind es nicht.