Eine Art maritimes Soundscape: Brian Eno kommt aktuell mit dem Album "The Ship" angerudert. - © Shamil Tanna
Eine Art maritimes Soundscape: Brian Eno kommt aktuell mit dem Album "The Ship" angerudert. - © Shamil Tanna

Es mag 1981 gewesen sein, oder frühes ’82, da sonderte Brian Eno in einem Telefon-Interview mit dem deutschen "Musikexpress" ein vermeintlich ultimatives Statement ab: Er werde nie wieder singen und "normale" Popmusik wie auf seinen ersten Soloalben; "Here Come The Warm Jets" (1973), "Taking Tiger Mountain (By Strategy)" von 1974 und "Another Green World" (1975), machen. Damals glaubte man solche Ankündigungen noch.

Zumal Eno, dessen Gastspiel als geschminkter, aber schon damals schütter behaarter Paradiesvogel in der Urbesetzung der Art-Pop-Pioniere Roxy Music heute wie eine absurde Laune der Pop-Geschichte anmutet, sich eben um die Entwicklung einer neuen nonverbalen Musiksprache verdient gemacht hatte.

Hintergrundbeschallung

Nach seinen gefeierten (Co)-Produktionsarbeiten für David Bowies Berlin-Trilogie hatte er mit dem Album "Music For Airports" (1978) eine Serie gestartet, die er "Ambient Music" nannte und mit der er ein Genre gleichen Namens definierte: Ruhige, raumgreifende Musik, der man mit Gewinn zuhören kann, die sich aber - anders als alle lauten Formen von Popmusik wie Rock oder Punk - nicht aufdrängt und sich nicht zu gut ist, als Hintergrundbeschallung zu funktionieren.

Zwölf Jahre später wurde Eno erstmals wortbrüchig, als er mit John Cale den ziemlich gefälligen Songzyklus "Wrong Way Up" einspielte. 2005 brach der 1948 geborene Engländer, der über all die Jahre hinweg als Produzent von Stadionrock-Acts wie U2 oder Coldplay keinerlei Berührungsängste mit "kommerzieller" Populärmusik bekundet hatte, unter solitär eigenem Namen ultimativ den selbstauferlegten Sanges-Bann mit dem Album "Another Day On Earth". Seither veröffentlichte er vergleichsweise konventionelle Arbeiten wie "Everything What Happens Will Happen Today", seine zweite Kollaboration mit David Byrne nach dem rhythmisch vertrackten Ethno-Funk-Album "My Life In The Bush Of Ghosts" von 1981. Seine bisher letzten Alben, "Small Craft On A Milk Sea" (2010) und "Lux" (2012), sind wieder musikalische Installationen, wie man Ambient Music mit Fug und Recht bezeichnen kann.

Die neue LP, "The Ship", kombiniert nun erstmals beides - den Ambient-Eno und den singenden Eno. Und das tut sie auf ziemlich einzigartige Weise, indem sie Enos (deutlich tiefer gewordene) Stimme ohne Fesselung durch Rhythmus- und Akkordstrukturen in eine Art maritimes Soundscape setzt. Dem gut 21-minütigen Titelsong, der sehr langsam, fast im Stillstand verharrend mit flächigen Keyboards anfängt und in dessen finalem Teil nach Enos Gesangseinsatz geisterhafte, durcheinander redende, räumlich auf unterschiedlichen Niveaus hörbare Hintergrundstimmen Unruhe und ein gewisses Unbehagen schüren, ist die ihm ursprünglich zugedachte Bestimmung als Teil einer multimedialen Klanginstallation in Stockholm noch unterschwellig anzuhören.

Im zweiten und letzten Stück "The Fickle Sun", das seinerseits in drei Teile segmentiert ist, ändert sich, zunächst unmerklich, dann recht drastisch, die Anmutung der Musik: der Gesang ist melodiöser, im Hintergrund erhebt sich ein Flirren und Schwirren, eine elektrische Gitarre wird angerissen und bleibt auf einem Ton stehen, der sich mit aufkommenden Keyboards immer mehr verdichtet, bis das Ganze glorios mit Pauken und Trompeten implodiert und die Dynamik wieder gegen Null zurückfährt.

Zwei Katastrophen

Das philosophische Fundament für das Opus ist eine Reflexion menschlicher Hybris. Zwei Ereignisse haben sie, wie Eno auf seiner Website (www.brian-eno.net) erläutert, angeregt: der Untergang der Titanic und der Erste Weltkrieg. Die beiden Katastrophen (deren noch nicht so weit zurückliegende 100-Jahre-Jubiläen wohl ihren inspirierenden Teil beigetragen haben) symbolisieren für Eno die gescheiterten Versuche, sich die Natur untertan zu machen und menschliche Fehlbarkeit mit Technik und Materialeinsatz auszuschalten.

Aber wir lernen nichts aus diesem Scheitern, sondern verfolgen unsere Anmaßungen unbeirrt weiter. Das sagt jetzt nicht Brian Eno, sondern das superbe Cover von Velvet Undergrounds "I’m Set Free" als Abschluss der Platte: "I’m set free to find a new illusion" - raus aus der Katastrophe und mit vollen Rohren rein in die nächste.