Mit "Schmilco" lancieren Wilco um Jeff Tweedy (2. v. r.) eine Herausforderung. - © Zoran Orlic
Mit "Schmilco" lancieren Wilco um Jeff Tweedy (2. v. r.) eine Herausforderung. - © Zoran Orlic

Wilco waren noch nie Musterschüler, wenn es an die Erfüllung von Fan-Erwartungen ging. Ihr bestverkaufter und heute als Meisterwerk gefeierter Long- player "Yankee Hotel Foxtrot" von 2001 versagte in dieser Übung nach dem Dafürhalten ihrer damaligen Plattenfirma Warner so sehr, dass sie ihn erst gar nicht herausbrachte (und ihrem Sub-Label Nonesuch die Ernte überließ).

Dass nun Album Nummer zehn etwas ruhiger angelegt sein werde als der recht heftige Vorgänger "Star Wars" von 2015, war im Sinne des belebenden Kontrasts ja durchaus abzusehen. Aber so verhalten, dass zum Einstieg nicht einmal mehr die Zehenspitzen mitwippen wollen, hätte er für die überwältigende Mehrheit der verschworenen Wilco-Gefolgschaft wohl auch nicht ausfallen müssen.

Andererseits wirft der Opener "Normal American Kids" mit dem Text einen Anker aus, der die Hörer an die Platte bindet: Den Strudel aus Beklemmung und Ressentiments, den die vulgäre Übermacht der Mehreren und der durch sie erzeugte Konformitätsdruck hervorrufen - das kann jeder nachvollziehen, der Kindheit und Jugend als Außenseiter erlebt hat. Jeff Tweedy, der eigenbrötlerische Wilco-Boss, gibt da eine denkbar gute Identifikationsfigur ab.

"Schmilco" steht inhaltlich im Zeichen eines Rückblicks, der eine Persönlichkeit ausstellt, die auf Crashkurs mit den Verheißungen von Erfolg und Popularität geht. Am traurigsten manifestiert sich das in "Happiness": Reuevoll erinnert sich Tweedy, wie er aus notorischer Unzufriedenheit mit sich selbst die Zuwendungen seiner Mutter, die ihm Mut machen wollte, verwarf. Dass solche Unzufriedenheit wiederum in einem Konflikt mit einer als feindselig wahrgenommenen Umwelt wurzelte, bezeugen neben "Normal American Kids" auch "Cry All Day" und "Common Sense". In "If I Ever Was A Child" flackert jene eigenartige Identitätskrise wieder auf, die 2004 schon "Handshake Drugs" induziert hat.

Leiser Country

Verrückt gemacht von den auf ihn einwirkenden Einflüssen und Umständen weiß der Protagonist nicht mehr, wer oder was er ist oder je war. Demgegenüber strahlt die unwirtliche Szenerie am kalten, höhlenartigen Arbeitsplatz seines Großvaters, die Tweedy in "Quarters" beschreibt, eine eigentümliche Faszination aus. Ist es die Musik, die es ausmacht? Es würde sich nur allzu trefflich in eine Außenseiterbiografie fügen: "Ich stand da in Trance und hörte der Jukebox zu" . . .

Der Kritiker der "Chicago Tribune" siedelt "Schmilco", dessen Titel offensichtlich auf Harry Nilssons Erfolgsalbum "Nilsson Schmilsson" anspielt, ein wenig außerhalb des Werkkatalogs der Band an. Das stimmt zum einen, und zum anderen nicht. Wilco greifen hier Elemente des Country auf, wie sie das durchaus schon auf früheren Alben und nicht zuletzt auf ihren Kooperationen mit Billy Bragg gemacht haben. Aber sie gehen in der Ausformulierung zwei oder drei Schritte weiter, als man sich das vorstellen konnte (oder wollte). "Common Sense" zum Beispiel ist ein vollendetes Stück musikalische Provokation in völlig unscheinbarer, eigentlich eher leiser Form. Gleich am Anfang, ehe Tweedys leicht gelangweilter Gesang einsetzt, belagern kleine Dissonanzen das monoton anmutende Akustikgitarren-Intro.

Dann bricht sich der langsame Groove an einem rhythmischen Stoppschild, nach dem Nels Clines Gitarre wie ein Wiesel durch die Gegend fegt. Es ist, obwohl nicht einmal ein echtes Gitarrensolo, Clines spektakulärster Auftritt auf diesem Album (instrumentale Großtaten müssen sich auf "Schmilco" zumeist in klaustrophobischer Enge entfalten). Das schon erwähnte, wunderschöne "Quarters" testet, wenn es mit gezupfter Gitarre und Tweedys ex-trem zurückgenommener Stimme anhebt, die Wahrnehmungsgrenze des Hörers.

An einer scheinbar willkürlich gesetzten Stelle klopft ein Schlagzeug hinein und findet in einen leicht vertrackten Rhythmus, während von Ferne her zarte Echos von Keyboards heranwehen, aus denen sich eine wehmütige Pedal-Steel-Gitarre schält.

Mit "Schmilco" lancieren Wilco eine Herausforderung: an das Publikum und an sich selbst als Band. Mit möglicherweise krass in Richtung Letzterer ausschlagendem Zufriedenheitskoeffizienten.