Geisterhaftes wirkt bei der dänische Wahl-Berlinerin Agnes Obel vertraut - und das Vertraute gespenstisch . . . - © Alex Brüel Flagstad
Geisterhaftes wirkt bei der dänische Wahl-Berlinerin Agnes Obel vertraut - und das Vertraute gespenstisch . . . - © Alex Brüel Flagstad

Der Soziologe Richard Sennetthatte in den 1970er Jahren vom Verfall des öffentlichen Lebens und von der "Tyrannei der Intimität" gesprochen, als er die neuzeitliche Inszenierungspraxis von Menschen in der Öffentlichkeit untersuchte. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass Gesten, Kleidung, Frisuren und sexuelle Vorlieben die Inhalte politischer Debatten überlagern - wie jüngst der US-Präsidentschaftswahlkampf zeigte.

An der Transparenz des Privaten wirkt mittlerweile jeder mit, der sich in sozialen Netzwerken bewegt. Dabei ging noch Anfang der 1980er Jahre ein empörter Aufschrei durch Deutschland, da angesichts des Volkszählungsgesetzes befürchtet wurde, der Staat würde die Bürger zu gläsernen Menschen machen. Diese Befürchtung hat sich auf verschiedenen Ebenen bestätigt - etwa in der Genetik oder im Gesundheitswesen. Doch die Ironie besteht darin, dass wir unsere intimsten Details freiwillig in Netzwerken mitteilen - womit wir jedem Überwachungsapparat die Arbeit erleichtern. Privates und Öffentliches sind Bereiche, die kaum noch voneinander zu unterscheiden sind.



Diese Form zweideutiger Transparenz ist das Leitmotiv von Agnes Obels drittem Album mit dem bezeichnenden Titel "Citizen Of Glass". Zweideutig ist diese Transparenz auch deshalb, da der Umstand, dass die Menschen in den sozialen Netzwerken selbst zum Inhalt der Botschaften werden, nicht bloß negativ zu werten ist. Aus der Distanz nimmt man möglicherweise teil an ihren Geschichten, die man für sich selbst imaginativ fortdichtet: "Tell me who you really love. Who are you to take over my mind with your eyes on me", singt Obel in "Golden Green". Die Transparenz trägt aber auch eindeutig paranoide Züge, wenn die dänische Musikerin die Zerrissenheit zwischen Privatsphäre, Exhibitionismus des Künstlers und der Selbstinstrumentierung als künstlerisches Material thematisiert ("Trojan Horses"). Die Flucht wäre ein natürlicher Impuls: "I tell myself I wanna hide."



Alte Instrumente

Um diese zwielichtig schimmernden Aspekte in Musik zu übersetzen, hat Obel sich historischer Instrumente bedient. So verwendet sie etwa das von Friedrich Trautwein in den 1920er Jahren entwickelte Trautonium, eine Frühform des Synthesizers, dessen Weiterentwicklung als Mixturtrautonium durch Oskar Sala und seine Produktion der elektronischen Klangkulisse für Hitchcocks Klassiker "The Birds" berühmt wurde. Andere Instrumente entlieh sie dem Musikinstrumentenmuseum: eine Glasharfe, ein Mellotron oder ein Cembalo.

Dabei hat Obel das Album fast im Alleingang eingespielt und produziert. Ihr zur Seite standen nur John Corban an der Geige sowie Kristina Koropecki und Charlotte Danhier an den Celli. Aufgenommen wurde das Album im Studio Aventine-Neukölln und in den Berliner BrandNewMusic-Studios.

Die Wahlberlinerin Obel feilt seit ihrem Debüt "Philharmonics" von 2010 an einem verwunschenen, von Geistern heimgesuchten Klang, der ihre Stimme glasklar und zugleich unnahbar in den Vordergrund spielt. Hermetisch und eigenbrötlerisch, melodiös schön und schlicht und dennoch geheimnisvoll entrückt klingen ihre Songs. In ihnen ertönt ein kammermusikalisches Flimmern, durch das Geisterhaftes vertraut wirkt - und das Vertraute gespenstisch. Im Vergleich zu den Vorgängern ist "Citizen Of Glass" reichhaltiger und voluminöser instrumentiert. Bei aller Paranoia und zwielichtigen Transparenz wirkt das Album weniger introvertiert und entfremdet. Auch wenn Obel mittels Instrumentierung virtuos auf ihrer Gespensterklaviatur spielt, so wurde doch der Spuk der Geister gezähmt. Wenn die Geister auch vielfältig tanzen, dann immer so, dass sie die Hörerschaft zu diesem Tanz freundlich laden.

Es überraschte deshalb nicht, als "The Curse" von Obels zweitem Album "Aventine" in diesem Jahr als Titelsong der belgischen Mystery-Miniserie "Au-delà des murs" verwendet wurde. Wie die Story der Serie, die sich vordergründig als Horror darbietet und in Wahrheit als Liebesgeschichte erweist, so sind auch Obels Songs Metamorphosen, in deren Zentrum sich immer wieder die Poesie zeigt.