Entziehen sich dem Hörer permanent: die drei Radian-ten. - © Rania Moslam
Entziehen sich dem Hörer permanent: die drei Radian-ten. - © Rania Moslam

Pop mag man diese Musik ja nicht wirklich nennen. Selbst der weiter gefasste Begriff Populärmusik scheint hier unpassend, suggeriert dieser wesenhaft doch immer noch ein Entgegenkommen an den Hörer. Auf das österreichische Trio Radian trifft das genaue Gegenteil zu: Diese Musik entzieht sich dem Hörer permanent. Determinanten wie rhythmische Strukturen, melodische Köder und simple Dynamiken sind hier nicht dingfest zu machen - und wo kurz Anhaltspunkte aufzutauchen scheinen, verschwinden sie alsgleich wieder in einem Strudel von Dissonanzen oder lösen sich im Nirwana auf.

Komplett nonverbal

Die Mitte der 90er Jahre gegründeten, komplett nonverbal agierenden Radian bestehen aus Schlagzeuger Martin Brandlmayr, dem gebürtigen Schweden John Norman am Bass und Gitarrist Martin Siewert, der 2011 Stefan Németh abgelöst hat. Alle betätigen sie auch diverses elektronisches Gerät. Während sie also von der Organisationsform her einer Rockband ähneln, ist ihre im Postrock der mittleren 90er Jahre, mehr noch in der heimischen Elektronik-Experimental-Szene um Protagonisten wie Christian Fennesz geerdete Arbeit ein ständiges, manchmal durchaus angestrengtes Ringen mit stilistischen Bindungen und normativen Limitationen.

Wie es für wenigköpfige Ensembles charakteristisch ist, sind bei Radian Drums und Percussion das gravitätische Zentrum. Um dieses herum surren, flirren, brummen und zischen elektronische Klangerzeuger und Samples. Genauso wichtig wie was gespielt wird ist allerdings auch, was nicht gespielt wird - ein Wesensmerkmal, das Radian ebenso wie ihren Hang zur Improvisation mit dem Jazz teilen. Wirklich Ruhe strahlt diese Musik allerdings an keiner Stelle aus. Das Erholsamste, was sie gewährt, sind ein paar Augenblicke des Innehaltens.

Das ist Musik, die man sich gut auf Kunstmessen in abgedunkelten Räumen als Soundtrack zu experimentellen Schwarz-Weiß-Videoinstallationen vorstellen kann: Musik, die Ent- und Verfremdung vorführt; der notwendigerweise Fragment bleibende Versuch, eine Sprache für Unaussprechliches zu finden. Tatsächlich haben Radian starke Bindungen zum Kunstfilm.

Das beeindruckende Titelstück ihrer neuen LP, "On Dark Silent Off", wurde von "Outer Space" inspiriert, einem Avantgarde-Kurzfilm des österreichischen Regisseurs Peter Tscherkassky. Dass der Albumtitel selbst wiederum einem Text des amerikanischen Malers und Kunsttheoretikers Ad Reinhardt entnommen ist, unterstreicht, wie gewissenhaft das Trio die Bezugsfelder für sein Werk absteckt.

Diese strenge Rechenschaft über das eigene Tun und Lassen spiegelt sich in der unerbittlichen Radikalität aller bisherigen Ra-
dian-Platten wider. Selbst eine Zusammenarbeit mit Howe Gelb ("Radian verses Howe Gelb") hat das Ensemble keineswegs zu einer gefälligeren Gangart zu bewegen vermocht - und vielmehr umgekehrt alle künstlerische Zügel- und Regellosigkeit forciert, von der der Giant-Sand-Mastermind Gelb von Natur aus reichlich mitbringt.

Hochleistungssport

"On Dark Silent Off" ist nun allerdings vergleichsweise zugänglich. Radian stellen nicht gleich Stoppschilder auf, wenn die Elemente so zueinanderfinden, dass sich - sogar über längere Strecken - schlüssige Strukturen aufbauen. Großzügiger als bei allen ihren bisherigen Arbeiten lassen sie der Musik freien Lauf. Treiber dieser Entwicklung ist Siewerts Gitarre, die genauso den Druck verstärken wie harmonische Brücken bauen kann. Schon der Opener "Pickup Pickout" beginnt mit einem langgezogenen Ton, der aufzusplittern und in unheilvolle Dissonanzen zu steuern scheint, ehe unvermutet ein geradliniger Rhythmus einsetzt, das Stück sich sukzessive zuspitzt, eine überraschend harmonische Zwischenebene einzieht und in ein furioses Finale ausläuft.

Das Titelstück, das sich sogar (Spiel-)Raum für eine Akustikgitarre leistet, überführt Schlagzeuger Brandlmayr mit einem berauschenden rhythmischen Feuerwerk in ein fast provokant gelassenes Ende. Solche Spannungsgefälle durchziehen die ganze Platte. Hier dabei zu bleiben ist Hochleistungssport nicht ganz unähnlich: Konzentration aufrechterhalten - und der Ertrag stellt sich von selbst ein.