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Vor 30 Jahren, 1986, erschien das erste Album der Jayhawks. Mittlerweile ist die Band um Gary Louris (und den zwischenzeitlich abgewanderten Mark Olson) zwar eine US-Institution im Indie-Americana-Kosmos, irgendwo zwischen Byrds und R.E.M., aber doch weitgehend vergessen.

Ihr heuriges Album, "Paging Mr. Proust" (Sham/Alive), ist ein wunderbar vitales Lebenszeichen. Gefühlvolle, mehrstimmige Balladen, wie sie neben McCartney und Tom Petty so eben nur Gary Louris hinbekommt (z.B. "Lovers Of The Sun", "Isabel’s Daughter"), stehen neben rockigeren Uptempo-Nummern und - als kontrastierenden Ballaststoffen zu den üppigen Harmoniekalorien - einem Ausflug ins Krautrock-Krachige ("Ace"). Auch in dieser experimentellen Manier dem Kollegen Jeff Tweedy nahestehend, haben Louris und die Jayhawks heuer das bessere Wilco-Album vorgelegt. Gerald Schmickl

Kevin Morbys drittes Album "Singing Saw" (Dead Oceans/ Trost) ist ein lyrischer Reigen. Zu Anfang steht das Bergmotiv im Vordergrund ("I Have Been To The Mountain"), doch je mehr der Protagonist den Überblick an Höhe einbüßt, umso mehr versinkt er in Erinnerungsbilder, die mit dem Verwunschenen und Geisterhaften tanzen. Versinnbildlicht durch die Metaphorik des Wassers, wird der Verlust von Personen besungen ("Destroyer"), und in "Water" selbst wird dieses Element noch einmal deutlicher mit dem Tod assoziiert. Der 1988 geborene Morby begann als Bassist der Folkrockband Woods, die er 2013 verließ, um seine Solokarriere zu verfolgen. Zu den Einflüssen des aus Kansas City stammenden Amerikaners gehören Lou Reed und Neil Young ebenso wie Bob Dylan, aber es lassen sich auch Spuren von Leonard Cohen, Lee Hazlewood und selbst von The Doors ausmachen. Mit "Singing Saw" ist ihm ein funkelndes Kleinod gelungen.

Andreas Walker

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Vierzig Jahre, nachdem die Schmetterlinge ihre "Proletenpassion" über Unterdrückung und Befreiung auf Tonträger verewigten, wurde nun eine modernisierte Version auf Vinyl gepresst. "Lieder aus der Proletenpas-
sion"
(Neustart Records) heißt die Neufassung, die -wie das Original - die Zeiträume von den Bauernkriegen bis zum Faschismus besingt, geschrumpft in der Zahl an Liedern, bereinigt von den Sprecheinlagen.

Proletenpassion 2015 ff: Wir lernen im Vorwärtsgehen from Loukanikos on Vimeo.

Entstanden ist die konzertierte Adaption im Zuge der Neuinszenierung der "Proletenpassion", die 2015 in Wien uraufgeführt wurde. Eva Jantschitsch alias Gustav und Knarf Rellöm haben dafür mit sieben weiteren Künstlern den Klassiker neu interpretiert. Für jede der sechs Geschichtslektionen stehen nun jeweils drei bis fünf Lieder; statt viel Flöte, Congas und Ziehharmonika sind Toy Piano und E-Drums zu hören; anstelle des hippiehaften Reinklangs tritt dezente Atonalität. Und "Das Lied von Krupp und Thyssen" oder das "Jalava-Lied" dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Christa Hager

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Zahllose Kilometer auf der Straße hat William Tyler nicht nur als Mitglied von Kurt Wagners Band Lambchop verbracht. Auch die Solokarriere ist seit 2010 dafür verantwortlich, dass der 36-jährige Gitarrist aus Nashville, Tennessee gerade sein Heimatland sehr gut kennt. Von der bisher letzten großen Fahrt wurde nun das Album "Modern Country" (Merge/Trost) inspiriert, das Tyler als "love letter to what we’re losing in America. To what we’ve already lost" bezeichnet. Allerdings klingen die sieben Instrumentalstücke dann weder pessimistisch, noch hört sich gleich zu Beginn "Highway Anxiety" angsterfüllt an.

Zwischen Zupf- und Lap-Steel-Gitarren, zarter Keyboardgrundierung, dezentem Schlagzeug und etwas Klavier setzt es harmonischen Mehrwert mit friedlichem Grundton. Drumcomputer, an Steve Reich geschulte Elektronik und Field Recordings spielen überraschende Nebenrollen. Glücklicherweise kommt dieser Road-Trip ohne Testosteronüberschuss und Benzinbrüdertum aus - und ist auch aus der Zugperspektive sehr schön anzuhören.

Andreas Rauschal

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Xixa, die Band um Brian Lopez und Gabriel Sullivan, stammt aus Arizona. Und die dadurch gegebene Nähe zur mexikanischen Grenze hört man auch ihrem Debütalbum "Bloodline" (Glitterhouse/Hoanzl) auch an, das neben südamerikanischen Musikstilen und westafrikanischen Rhythmen auch der düsteren Ausformung von Countryrock aus der Wüste viel Platz bietet.

Die Band bezeichnet das selbst als "Desert Noir"-Stil und trifft es damit sehr gut. Mit welcher Selbstverständlichkeit sie die Balance zwischen ungestümer Dringlichkeit, viriler Nonchalance und elegantem Melodiegespür findet und es versteht, Balladen und Latinsounds in Hochgeschwindigkeit zu vereinen, ist ebenso erstaunlich wie beeindruckend. Die ausgetüftelten Arrangements, die akzentuierte Instrumentierung und der harmonische Wechsel zwischen englischem und spanischem Gesang tragen ihren Teil dazu bei, dass "Bloodline" zu einer echten Entdeckung wird - und nicht nur Desert-Rock-Aficionados begeistern sollte. Heimo Mürzl