"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können", meinte Jean Paul. Dieser Süße der Erinnerung widersprach Jean-Luc Godard, indem er Alain Delon in seinem Film "Nouvelle Vague" ergänzen ließ, die "Erinnerung ist die einzige Hölle, zu der wir in aller Unschuld verdammt sind". Das Vergessen, das für jene Ambivalenz von Paradies und Hölle verantwortlich ist, steht im Mittelpunkt des neuen Xiu-Xiu-Albums "Forget", dessen Cover eine arabische Kalligrafie mit gleicher Bedeutung ziert.

Um das Motto auch musikalisch umzusetzen, entsenden billige Synthesizerklänge ihre Grüße Richtung 1980er Jahre. So präsentiert sich "Wondering" als ein auf Erasure getrimmter Popsong, was nach dem geisterhaften "Twin Peaks"-Album aus dem letzten Jahr überrascht. Die musikalische Zeitreise zwischen gestern und heute wird auch durch die Besetzung unterstrichen, denn für das neue Album hat sich die Band aus Kalifornien verstärkt: Neben Shayna Dunkelman, Angela Seo und Jamie Stewart sind unter anderem Kristof Hahn (Swans), Greg Saunier (Deerhoof), die intersexuelle Drag-Legende Vaginal Davis oder der Künstler Charlemagne Palestine mit von der Partie.

Die ungewöhnliche Zusammenarbeit ist zum Teil erstaunlich harmonisch wie gleichermaßen spleenig verschroben. "Forget" klingt über weite Strecken wie der Soundtrack zu einer verwunschenen Märchenwelt. Schleichend, als hätte man von einem verhexten Apfel gekostet, nehmen die vergifteten Songs vom Hörer Besitz. In ihrer Zartheit geben sie sich mal fragil oder wie ein labyrinthischer Albtraum. Freilich gehören auch diesmal wieder Erniedrigung, Verletzlichkeit und Gewalt zu den zentralen Themen. Der vielleicht schönste Song des Albums, "At Last, At Last", macht die Verzweiflung durch beklemmenden Gesang und eingängige Rhythmik beinahe körperlich spürbar.

"Forget" bespielt die Marter beschädigter Seelen, die um ihre Identität ringen. Ein herausragendes Album, das magisch verträumt zwischen Hoffnungslosigkeit und Protest balanciert.