Alison Goldfrapp, von Alison Goldfrapp inszeniert: "Ich muss mich selbst nicht bezahlen!" - © Alison Goldfrapp
Alison Goldfrapp, von Alison Goldfrapp inszeniert: "Ich muss mich selbst nicht bezahlen!" - © Alison Goldfrapp

Auf die Frage, ob man sagen kann, dass das neue Album dunkel, aber sehr sehnsuchtsvoll ausgefallen sei, antwortet Alison Goldfrapp ungefähr mit einem "Yes" mit drei Rufzeichen. Die Sängerin des nach ihr benannten Duos Goldfrapp, dessen zweite Hälfte, der Keyboarder Will Gregory, sich konsequent im Hintergrund hält, darf mit "Silver Eye" schließlich ein Werk promoten, das sich bereits vom Titel her auf ein schon immer mit "Desire" und "Longing" assoziiertes Symbol bezieht: den Mond.

Für diesen muss man zwar erst den Orbit durchqueren, den mancher als bedrohlich empfindet. Nicht nur popkulturell war die Reise zu den Sternen aber immer überwiegend positiv besetzt. Alison Goldfrapp, die nur kurz die Augenbraue hebt, als man sie daran erinnert, dass sie seinerzeit bei der Mondlandung ja immerhin auch schon drei Jahre alt war: "Es ist schon eine sehr schöne Sache, aus dem Fenster zu schauen und den Mond zu betrachten. Ich fühle mich dabei geborgen und hoffnungsfroh und sehe etwas, das noch immer relativ unbezwungen ist von der Menschheit. Die Mythologie, die damit einhergeht, ist für mich eine endlose Quelle der Inspiration."

Mit neuen Partnern

Ein gewisser Mystizismus scheint über dem ganzen Album zu liegen, das am kommenden Freitag erscheint, und - wie immer - von Goldfrapp und Gregory gemeinsam geschrieben wurde. Nicht von ungefähr fällt auch im Interview oft das Wort "Energie". Befürchtet die Sängerin nicht, deshalb als esoterisch rezipiert zu werden? "Da bin ich weder besorgt, noch kümmert mich das. Wobei man sagen muss, dass all diese Bezeichnungen tricky sind, weil jeder etwas anderes unter ihnen versteht. Ich habe mich immer für das Elementare begeistert, für Wasser und Felsen, ich liebe es, vulkanische Inseln zu bereisen. Ich mag die damit verbundene Symbolik. Sie wissen schon: Dinge, die unter der Sonne ausbrechen. Lust! Vor allem jetzt, wo ich älter werde, bin ich fasziniert davon. Vielleicht ist es auch so eine Art Suche nach Antworten, nach einer Art Utopie."

Mächtige Nachtmusiken

Nachdem das britische Duo mit "Tales Of Us" 2013 ein sehr schönes Album für Rotweinabende geliefert hat, markieren auf "Silver Eye" Songs wie die Single "Anymore" oder das von einem Motorik-Beat der Marke Neu! getragene "Everything Is Never Enough" eine partielle Rückkehr zum Elektro-Pop. Man könnte von einem gewissen Retrofuturismus sprechen, der gut dazu passt, dass der Orbit ja auch ein Zukunftsthema der Vergangenheit ist. "Wir haben für das Album sehr viel über Rhythmus nachgedacht. Ich selbst interessiere mich ja für alle Formen von Ritualen und Gebeten, für Dinge mit Mantra-ähnlichem Gefühl. Diese Art Rhythmus ist sehr anregend, weil sie so etwas Einfaches hat. In der Repetition des Krautrock und der Dance Music finde ich das wieder. Also ja, ich mag gerade diese Form von früher elektronischer Musik auch."

Für die Umsetzung haben Goldfrapp und ihr Neo-Produzent John Congleton (St. Vincent, Wild Beasts) diesmal Gäste wie Bobby Krlic ins Studio geladen, der als The Haxan Cloak sonst an wirkungsmächtigen Nachtmusiken schraubt. Alison Goldfrapp: "Ich mochte die Idee, durch neue Partner eine andere Energie in den Raum zu bekommen. Wenn man sein siebtes Album einspielt, ist das vermutlich auch wichtig. Bobby ist toll, und es war erstaunlich, ihm bei der Arbeit zuzusehen." An dieser Stelle im Gespräch gestikuliert Alison Goldfrapp wild: "Boom! Der macht im Handumdrehen etwas, für das wir selbst mindestens einen Tag benötigen würden. Bobby ist ja um einiges jünger als wir, und in diesen technischen Sachen ist der Alters-Gap schon verrückt."

Am Abmischen hat sich wiederum Mute-Boss Daniel Miller höchstpersönlich beteiligt. Seit ihrem Debüt "Felt Mountain" von 2000 halten Goldfrapp seinem Label die Treue. Eine ungewöhnlich stabile Beziehung in Zeiten wie diesen. "Ja, da haben Sie wohl recht. Daniel ist großartig, weil er Musik liebt und sich wirklich um die Leute kümmert, die bei ihm unter Vertrag stehen. Er ist ein sehr fürsorglicher, sehr besonderer Mensch und Mute ein sehr spezielles Label. Ich fühle mich wirklich privilegiert, schon so lange dort arbeiten zu können."

"Ich war stinksauer"

Ein harter Schnitt zum Brexit muss her. Sowohl Mute als auch Goldfrapp stammen bekanntlich aus London. "Ich habe für Remain gestimmt und bin sehr bestürzt darüber, dass wir die EU verlassen. Ich habe mich immer als Teil von Europa gesehen und tue das nach wie vor. Aktuell fühlt sich alles sehr merkwürdig an." Dass "Silver Eye" nach einer überzeugenden Spieldreiviertelstunde mit "Ocean" dystopisch endet, hat allerdings nichts mit der Politik zu tun. Die Sängerin: "Ich war aus persönlichen Gründen stinksauer, als wir diesen Song aufgenommen haben. Deshalb singe ich in dieser Stimme. Alles ist improvisiert, die Lyrics sind einfach so rausgekommen. Improvisierte Dinge sind immer speziell, weil man die Atmosphäre, die dabei entsteht, niemals wiederholen kann." Das Festhalten eines Moments fasziniert Goldfrapp auch an der Fotografie. Für "Silver Eye" hat sie gleich das ganze Artwork gestaltet: "Das hatte noch einen Vorteil: Ich muss mich selbst nicht bezahlen!"