Heute eine Musik unter anderen: At The Drive-In aus El Paso, Texas. - © Clemente Ruiz (Druck: C. Friedmann)
Heute eine Musik unter anderen: At The Drive-In aus El Paso, Texas. - © Clemente Ruiz (Druck: C. Friedmann)

Wenn ein Musiker, in diesem Fall der Schlagzeuger Tony Hajjar von At The Drive-In, versichert, er habe bei einer Plattenaufnahme den größten Spaß seit Jahren gehabt, so sollte man skeptisch sein. Der von Künstlern empfundene Spaß während der Schaffens-
phase überträgt sich nämlich nicht automatisch auf den Rezipienten des Werkes, da dessen Qualität nichts zu tun hat mit dem Wohlbehagen ihrer Schöpfer.

Kaum eine Einspielung dürfte in der Post-Hardcore-Community wohl mit mehr Spannung erwartet worden sein wie das neue Album von At The Drive-In. Und die Erwartung, so sehr sie auch in medialen Kanälen gehypt wurde, bestand nicht zu Unrecht, gehört doch der unmittelbare Vorgänger, "Relationship Of Command" (2000), zu den besten Platten der Nullerjahre. Nach ihrer Wiedervereinigung 2012 bewiesen ATDI auf ihrer Welttournee im letzten Jahr, dass sie immer noch über die Energie verfügen, die ihr Meisterwerk auszeichnet - auch wenn Gitarrist Jim Ward kurz vor der Tour wieder aus der Band ausstieg und durch Keeley Davis ersetzt wurde.

ATDI wurden 1993 von Ward und Sänger Cedric Bixler-Zavala in El Paso gegründet. Nach anfänglichen Versuchen mit anderen Musikern stieß Mastermind Omar Rodríguez-López (Gitarre) 1996 zur Band und im Jahr darauf folgten Paul Hinojos (Bass) und Hajjar. Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens zerbrach die Band 2001. Darüber hätte der eingefleischte Fan nun Tränen vergießen können. Doch Hajjar und Hi-nojos gründeten zusammen mit Ward die Band Sparta, derweil Bixler-Zavala und Rodríguez-López The Mars Volta ins Leben riefen. Die Tränen waren schnell getrocknet, insbesondere auch weil die ersten vier Alben von The Mars Volta - trotz epigonaler Anleihen beim Space Rock der 60er/70er Jahre - auf großartige Weise zu überzeugen verstanden.

Bei aller Hingabe zu Pathos und Patina war "De-Loused In The Comatorium" ein alptraumhafter Musikrausch, "Frances The Mute" eine mäandernde Post-Rock-Oper, "Amputechture" ein in Tönen gegossenes Enigma und "The Bedlam In Goliath" ein vor Ideen sprühendes Feuerwerk. Und dann ging irgendetwas schief.

Kreativer Tiefpunkt

2009 erschien als fünftes Album von TMV das balladeske
"Octahedron", das den Einfallsreichtum seiner Vorgänger vermissen ließ. Das anschließende "Noctourniquet" (2012) bildete dann den kreativen Tiefpunkt. Als Konsequenz lösten Rodríguez-López und Bixler-Zavala The Mars Volta wieder auf. 2014 gründeten sie ihre neue Formation Antemasque, deren zweites Album noch für dieses Jahr erwartet wird.

Bereits seit 2004 wandelte Rodríguez-López auch auf Solopfaden. Vier Soloalben veröffentlichte er allein 2009, die Alben mit anderen Musikern nicht mitgezählt. Sein Schaffensdrang, der sich über die Jahre noch steigern sollte, erreicht inzwischen das Groteske. Seit Juli letzten Jahres bis zum April 2017 erschienen 21 Alben, die sich unterschiedlichen musikalischen Genres widmen. Das macht zwei pro Monat, was eigentlich für mehrere Musikerkarrieren ausreichte.

Man könnte nun spötteln, "Inter Alia", eigentlich "inter alia", mit Punktsetzungen innerhalb der Worte, scheint Programm zu sein: Geboten wird eine Musik unter anderen, eine von vielen - und vielleicht nicht das wichtigste Projekt von Rodríguez-López. Dabei ließen die beiden ersten Auskopplungen, "Governed By Contagions" sowie "Incurably Innocent", aufhorchen, knüpften sie mit ihrer Bissigkeit und ihren eindringlichen Rhythmen doch an frühere Zeiten an. Es fehlt denn auch nicht an Wucht, wobei Bixler-Zavala nicht mehr derart verzweifelt kreischt, dass man um sein Leben fürchten müsste wie noch vor 17 Jahren.

Was das Album jedoch schlichtweg vermissen lässt, sind mitreißende Songs. So präsentiert "Inter Alia" zwar gekonnt-routinierte Rockkost, zelebriert dabei aber einen revolutionären Gestus, dessen Glaubwürdigkeit fraglich ist. Passend dazu kann sich der Fan auf der Band-Homepage reichhaltig mit Merchandise-Produkten ausstaffieren, samt Skateboard-Decks, Logo-Ring, Gitarrenpedal oder Socken. Es drängt sich der Eindruck auf, At The Drive-In wollten mehr sein als eine gewöhnliche Band; sie wollen eine Marke sein. Ob das Ergebnis stimmt, scheint zweitrangig. Hauptsache, die Musiker haben "Fun" gehabt.