Essen ist nicht nur der Sex des Alters: Popstar Katy Perry. Live am 4. Juni 2018 in der Wiener Stadthalle. - © Rony Alwin
Essen ist nicht nur der Sex des Alters: Popstar Katy Perry. Live am 4. Juni 2018 in der Wiener Stadthalle. - © Rony Alwin

Kurz stand zu befürchten, Katy Perry würde die politische Botschaft für sich entdecken. Immerhin wurde die erste Vorabsingle ihres nun vorliegenden fünften Albums mit dem Titel "Witness" (Capitol/Universal), die discoinfizierte Pop-nach-Vorschrift-Fusion "Chained To The Rhythm", als "purposeful pop" angekündigt. Der hatte dann zwar tatsächlich eine Kleinigkeit über unser aller Rennen im Hamsterrad und ein Leben in der Blase zu sagen. Allerdings belegte bereits ein kurzer Blick auf die Albumtracklist (mit furchtbar kreativen Titeln wie "Hey Hey Hey"), dass alles bei den gewohnten Niederungen bleibt. Hallo, es ist immer noch Popmusik!

Mit Wurzelwerk


Einmal ganz davon abgesehen, dass es live auch bei "Chained To The Rhythm" zu Missverständnissen kommen wird, weil sich Katy Perry dabei erstmals an einem Ausdruck namens Sarkasmus versucht und ganze Mehrzweckhallen die Zeilen "Turn it up, it’s your favorite song! Dance, dance, dance to the distortion!" eher ohne doppelten Boden mitsingen werden: Auch die zweite, nicht nur im Vergleich zu den kommerziell immens erfolgreichen Vorgängerwerken ziemlich gefloppte Single "Bon Appétit" (Platz 59 in den USA) erklärt die Sache mit den Niederungen und Missverständnissen ganz gut.

Auch wenn sich die heute 32-Jährige getreu ihrer Kernbotschaft im Self-Empowerment im Verlauf des Albums immer wieder als Kämpferin definiert, gibt sie sich hier doch als Fleischgericht für uns hin. Im Musikvideo sieht man Katy Perry in Frischhaltefolie eingewickelt vor einer Runde an Köchen drapiert, die schon die Messer wetzen. Später wird Perry gemeinsam mit Wurzelwerk in einen Suppentopf geworfen, um von dort aus mit Metaphern zu spielen, die Sex als All-you-can-eat-Buffet deklarieren und die Errungenschaften des Feminismus ungefähr auf ihren Stellenwert im Mittelalter zurückwerfen dürften. "So you want some more? / Well I’m open 24 / Wanna keep you satisfied / Customer’s always right."

Das schlägt relativ tief in eine ähnliche Kerbe wie ein Song namens "Tsunami", der lascher klingt, als der Titel vermuten lässt (und auch deshalb eher kein zweites "Firework" ist). "So baby come and take a swim with me / Make me ripple, till I’m wavey / Don’t be scared to dive in deep / Don’t fight, just ride / The rhythm of the tide." Wobei einem einfällt, dass in ihrer Coming-of-Age-Phase mit dem Zuckerlpop des Albums "Teenage Dream" von 2010 auch Franz Antel ("Das Früchtchen") seine Freude mit der Pastorentochter aus Santa Barbara gehabt hätte. Katy Perry trägt Kirschen im Schritt. Denken wir einmal darüber nach.

Abseits von sexy gibt es aber auch noch eineinhalb andere Inhalte auf "Witness", wenn man die bereits bekannte Selbstermächtigung und den Herzschmerz einmal beiseitelässt. Mit "Swish Swish", und das ist jetzt wirklich wichtig, wärmt Katy Perry ihren Beef mit Taylor Swift auf und empfiehlt der Nachwuchskraft den Weg in die Frühpension. Und der halbe andere Inhalt, was war der nun? Keine Ahnung, er hat sich irgendwann als heißer Dampf aus dem Topf verflüchtigt. Vielleicht ging es darum, dass Katy Perry bei "Save As Draft" über Liebe in Zeiten des Smartphones singt.

Es klingt nach Song Contest


Musikalisch sorgt eine Armada an einschlägigen Produzenten und Co-Autoren zwischen Sia Furler und dem schwedischen Allzweckbomber Max Martin dafür, dass man alle Songs bereits kennt, ohne sie jemals gehört zu haben. Irgendwo zwischen Blitzhütten-Pop für den Wurstlprater, elektronischen Hip-Hop-Beats, für Feuerzeug-, also im Smartphone-Zeitalter für Taschenlampenfunktionsalarm sorgenden Rührstücken, Voguing-House und etwas Eurotrash, der an osteuropäische Song-Contest-Beiträge erinnert, klingt vieles gleich, wenig wirklich schlecht und kaum etwas sehr zwingend.

Worin genau der Beitrag der aus Indiehausen stammenden Band Hot Chip für die Klavierballade "Into Me You See" besteht, bleibt unklar. Sicher ist, dass sich Katy Perry bei "Pendulum" nicht nur mit gummigen Olivia-Newton-John-Gedenk-Keyboards begnügt, sondern über den Beistand eines Gospelchors auch noch zu ihren Ursprüngen in der Kirchenmusik zurückblicken will. Halleluja!

Mit Zutaten wurde auf "Witness" also nicht wirklich gespart. Trotzdem ist die Suppe am Ende irgendwie dünn.