Zug-Liedsänger mit Protestsong- und Aktivistenhintergrund: der Songwriter Billy Bragg. - © Pete Dunwell
Zug-Liedsänger mit Protestsong- und Aktivistenhintergrund: der Songwriter Billy Bragg. - © Pete Dunwell

Nimmt man als Europäer einen Zug, um New York von der Penn Station aus in Richtung Montreal zu verlassen, wird man sich zwar über die gigantische Beinfreiheit freuen, die neben einem vergleichbaren ÖBB- oder Westbahn-Großraumwagen nicht zuletzt jeden Transatlantik-Jet alt aussehen lässt - sofern man dort in der Holzklasse sitzt. Weil man zuvor aber schon gelernt hat, dass man in so einen Amtrak-Zug nicht einfach einsteigen kann, sondern eigens boarden muss, und etwa gerade auch die "New York Times" in einem Artikel erklären, dass regelmäßige Ausfälle, horrende Verspätungen und nicht zu wenige Entgleisungen aufgrund der stark veralteten Infrastruktur Mitschuld daran tragen, dass nur wenige Amerikaner den Zug als Transportmittel nützen, wird diese Freude allerdings in realistische Bahnen gelenkt. Zumal man aus der Zeitung auch noch erfährt, dass Ronald Reagans Definition des Schienenverkehrs als große staatliche Geldverbrennungsmaschine in Donald Trump einen Anhänger findet. Unter seiner Präsidentschaft sind anstelle der dringend benötigten Investitionen weitere Einschnitte zu erwarten.

Aus fernen Zeiten


Das bringt uns nun direkt zu Billy Bragg. Der 1957 auf der anderen Seite des großen Teichs in Großbritannien geborene Songwriter mit Protestsong- und Aktivistenhintergrund sowie einer engen Beziehung zur Labour Party beklagt nicht zuletzt den Sparzwang ab Zeiten des Thatcherismus auf Kosten des Normalverbrauchers und vor allem der Working Class, der gerade auch heute wieder grassiert. Und er hat sich erst im Vorjahr mit seinem gemeinsam mit dem US-Songwriter Joe Henry aufgenommenen Album "Shine A Light: Field Recordings From The Great American Railroad" während einer nun auch schon etwas länger andauernden Phase mit politikfernen Themen im eigenen Werk ganz der Eisenbahn gewidmet. Diese muss aufgrund eines gewissen inhärenten Hobo-Blues nicht romantisch verklärt werden. Zweifelsohne findet man hier aber einen genuin US-amerikanischen Mythos als Grundlage aus fernen Zeiten, in denen nach der technischen Pionierleistung auch der damit verbundene Aufbruch das Thema war - und nicht der Abbau und Rückschritt weit hinter Standards.

Nach Anfängen allein an der Zupfgitarre, nachzuhören auf dem Debüt "Life’s A Riot With Spy Vs Spy" von 1983, über seine Hinwendung zum ausinstrumentierten Bandsound auf Alben wie "Talking With The Taxman About Poetry" (1986) oder "Don’t Try This At Home" (1991) sowie über das einschlägige wie ausnahmsweise ausschließlich politische "The Internationale" von 1990 ist Billy Bragg erstmals 1998 schaffenstechnisch im großen Stil in Amerika angekommen. Nach einer Anfrage von dessen Tochter Nora durfte er exklusiverweise Songtexte aus dem Nachlass des großen Woody Guthrie mit Musik unterlegen. Durchaus nicht friktionsfrei entstanden daraus die "Mermaid Avenue"-Alben gemeinsam mit der US-Band Wilco im Alt-Country- und Folkrockstil.

Quer durchs Werk


Für "Shine A Light" ist Billy Bragg im März 2016 mit Joe Henry aufgebrochen, um 2700 Meilen auf dem Weg von Chicago nach Los Angeles in 65 Stunden mit dem Zug zu stemmen und währenddessen gemeinsam als Teilzeit-Hobos im Waggon, neben den Gleisen oder in Warteräumen zu musizieren. Man hört roh-raue, standes- und projektgemäß zwecks leichten Gepäcks akustisch gehaltene Interpretationen alter Traditionals und Songs von Gordon Lightfood bis Hank Williams. Dass Songs wie "Rock Island Line" einst auch zum Repertoire von Johnny Cash gehört haben, passt insofern gut, als Billy Bragg hierzu heute auf deutlich mehr Grummelbariton setzt, als man das sonst von ihm gewöhnt ist. Am Ende plätschert bei "Early Morning Rain" ein Sturzbach aus Whiskey und Tränen.

Am Samstag bei seinem Konzert im Wiener WUK (Beginn: 20 Uhr) dürfte sich Billy Bragg hingegen quer durch den Werkkatalog spielen. Ergänzt um Zwischenreden mit Kommentarfunktion sollten damit auch alte Fans glücklich sein, die eigentlich ein überfälliges politisches neues Album erwarten. Im Internet sah man Billy Bragg heuer anlässlich der Wahl Donald Trumps aber immerhin schon Bob Dylan umtexten: "Come Mexicans, Muslims, LGBT and Jews, keep your eyes wide for what’s on the news / For president Trump is expressing his view . . ."