Virtuoser Festival-Veteran: Wolfgang Puschnig erfreute mit älteren Stücken aus eigener Feder. - © Matthias Heschl/Jazzfestival Saalfelden
Virtuoser Festival-Veteran: Wolfgang Puschnig erfreute mit älteren Stücken aus eigener Feder. - © Matthias Heschl/Jazzfestival Saalfelden

"Echt abartig hier!", schreit eine Deutsche durch den Raum. Kann sein, dass ihr Ausruf auch einem kleinen Zwischenfall galt. Ein Trunkenbold hatte die Live-Musiker im Saal immer wieder provoziert und war daraufhin von Intendant Mario Steidl höchstselbst an die Luft gesetzt worden. Der Satz war aber wohl eher als Kompliment gemeint. Seit einer Stunde beschallte Café Drechsler, das hippe Trio aus dem Wien der Nullerjahre, die Bar des Saalfeldener Kunsthauses Nexus. Nun, um zwei Uhr Früh, war der Schankraum endgültig zur Tanzfläche mutiert. In einem dunstigen Klima aus Schweiß und Schall werden die Beine also von den Markenzeichen der Band befeuert. Da wummern die griffigen Riffs von Kontrabassist Oliver Steger, da pulsiert das Schlagzeug von Alex Deutsch an der Schnittstelle zwischen Club-Beat und Groove-Jazz, da lässt Ulrich Drechsler sein Verbrechersyndikat-Saxofon röhren und knarzen. Natürlich: An sich nichts Neues. Aber immer noch mehr als gut genug, um nach langer Pause wieder ein Album in Originalformation herauszubringen ("And Now... Boogie!", Universal) und dem Jazzfestival Saalfelden in der Freitagnacht ein spätes Glanzlicht aufzusetzen.

Intensität mit Holzschnitten


Nebenan, im Congress Saalfelden, verläuft der erste Tag auf der Hauptbühne durchwachsen. Zwar führte der Wahlkampf dem avantgardefreudigen Festival einen unverhofften Gast zu - Bundeskanzler Christian Kern. Durchaus sympathisch sucht er in seiner Eröffnungsrede nach Gemeinsamkeiten zwischen kollektivem Kunstgenuss und einem roten Lieblingswort namens Solidarität.

Das Eröffnungskonzert, traditionell mit der Uraufführung eines heimischen Jazzers bestritten, erzeugt dann aber nicht einmütige Begeisterung. So sehr Gerald Preinfalk seinen Saxofonen spontan Substanz zu entstoßen versteht, fehlt ihm am Komponistenschreibtisch ein wenig die Balance zwischen Strukturdenken und Effektsinn. Seine "Prine-Zone" will die eigenen Jazz-Stärken ebenso zur Geltungen bringen wie die Interpreten-Kompetenz am Feld der Neuen Musik (als Mitglied des Klangforums Wien). Die kraftvolle Konzertstunde schafft dann aber eher Slots für Solisten, als dass sie das Potenzial eines (an sich farbenprächtigen) Nonetts voll auskosten würde.

Wesentlich mehr Abwechslung bietet der Samstag, und er fängt schon am Nachmittag damit an. Ungeachtet der Uhrzeit stellt die Norwegerin Sinikka Langeland die Zeichen auf Geisterstunde und gibt mit fahlem Wallehaar die Lagerfeuer-Druidin. Tiere und Geister hausen in dem "Magical Forest", den sie mit knorrigen Skandinaviergesängen beschwört; Schlagzeuger, Trompeter und ein Saxofonist mit Rübezahl-Look treiben den Sound in Richtung Jan-Garbarek-Jazz. Viel wüster, doch nicht hirnlos steigen die vier Landsleute von Cortex aufs Gas. Mit Bebop-Nummern, die in freiem Ungestüm von Saxofon und Trompete gipfeln und in diesen Phasen mit Comic-Ausdrücken wie Krächz!, Sprotz! und Bratzel! zu umschreiben wären, betreibt das Quartett eine Art Vergangenheitsüberwältigung.

Erstarrter Gigant


Was zu den Saalfeldener Fixelementen zählt, aber heuer nicht auftaucht: der Besuch eines alten US-Granden der freien Improvisation. Immerhin - eine lang verstorbene Ikone firmiert als Hauptfigur eines Projekts. "Kryptografie. Notizen eines alten Mannes, der zufällig Charles Mingus heißt" ist ein Melodram im ursprünglichen Sinn, verwebt Sprechtext und Musik. Schauspieler Hartmut Stanke rezitiert einen literarischen Einfühlungsversuch in das Innere des todkranken, von ALS erstarrten Musikers, macht ein immer noch vulkanisches Ungestüm spürbar. Das vermittelt sich genauso beklemmend im dunkelglosenden Bassklarinette-Spiel von Michael Riessler und steigert sich in einem Schlagzeug-Gehämmer zu finalem Furor.

Der letzte Abend sieht dann in Wolfgang Puschnig einen Doyen des heimischen Jazz: Bereits in der Geburtsstunde des Festivals dabei (vor 39 Jahren!), wirkt der Saxofonist hier so entspannt wie im eigenen Badezimmer. Dabei betritt er am Sonntag doch ein Stück Neuland, führt ältere Nummern aus eigener Feder nämlich unter Mitwirkung eines Streichquartetts auf. Klingt kitschiger, als es ist: Puschnigs Saxofon versprüht gewohnte Höchstwerte an Eloquenz und Esprit, Patrice Heral gibt am Schlagzeug mächtig Laut. Zwar wird das Koehne Quartet durch dieses glänzende Business as usual (und leider Arrangements von gemischter Qualität) unter Wert geschlagen. Dem Stammpublikum aber war ein wohliges Schwelgen in Nostalgie zu gönnen. Und Puschnig sowieso - würdig und recht.